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Briefe aus der Provinz / 04/2018

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Darin geht es hauptsächlich um Bücher, Fotografie und Natur. Es gibt wohl keinen besseren Augenblick als jetzt, um die Briefe aus der Schublade zu holen. Lesen hilft und bringt uns auf andere Gedanken. Los geht`s!

John Lewis-Stempel „Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren“, Dumont, 2017

Roger Deakin „Wilde Wälder“, Reihe Naturkunden, Matthes & Seitz Berlin, 2018

J.A. Baker „Der Wanderfalke“, Reihe Naturkunden, Matthes & Seitz Berlin, 2014

Wenn die Tage kürzer werden und die Rufe der Kraniche verstummt sind. Wenn sich die Landschaft in Nebel und Düsternis hüllt und die Luft erfüllt ist vom Duft nach modrigen Blättern und Feuchtigkeit. Wenn die Kälte in die Knochen kriecht und alle Wohligkeit vertreibt, dann bleiben vom Tage nur noch lange Abende übrig. Die beste Zeit des Jahres, sich in Bücher zu vertiefen und der Lust am Lesen zu frönen.
Beginnen wir mit Ein Stück Land. Mein Leben mit Pflanzen und Tieren von John Lewis-Stempel. Oberflächlich betrachtet, erzählt der Autor in einer Art Tagebuch von einer Wiese, die zu seiner Farm im westenglischen Hertfordshire gehört. In Wirklichkeit aber lässt er den Leser teilhaben am Jahreszyklus des Landes, am Gedeihen und Vergehen. Er beschreibt die Natur in all ihren Tönen und Farben, seien es die Gräser und Wildblumen auf eben jener Wiese, die zurückkehrenden Zugvögel, das Treiben der Füchse und Dachse oder die morgendlichen Konzerte der Singvögel, welche die umliegenden Hecken bewohnen. Er dokumentiert das Gesehene, schildert aber auch den auf seinem Land anzutreffenden, schleichenden Verlust von früher alltäglichen Arten. Lewis-Stempel reichert seine Beobachtungen mit geschichtlichen und regionalen Fakten an. So erfahre ich beispielsweise im Mai-Kapitel, dass der englische Name für Schlüsselblume cowslip ist, welcher sich vom altenglischen cu-sloppe ableitet, was Kuhfladen bedeutet und nichts weiter ist als ein mehr oder minder dezenter Hinweis auf den bevorzugten Standort dieser Pflanze. Sehr angenehm finde ich bei der Lektüre, dass er seiner Erzählung Zitate etlicher englischer Dichter hinzufügt, welche, wie er, die detaillierte und
facettenreiche Beschreibung der Natur so treffend beherrschen und das Bild gekonnt abrunden. Es ist ein Buch, welches man immer wieder hervornehmen kann, und sei es nur, um sich des jeweils herrschenden Monats zu vergewissern. Wie schreibt er trotz der Novembertristesse: „Aber die Reste der Herbstsonne entzünden den November wieder. Die Tage werden von Sonnenteilchen erhellt, die sich in den Spinnweben der Hecken und Grasbüschel verfangen.“ Wenn man dies liest, kann man doch gleich wieder die Kamera einpacken und rausgehen … Seine Beschreibungen regen zum genauen Hinsehen, zum Entdecken des Alltäglichen um uns herum an. Und falls sich jetzt einige fragen: Was schreibt der hier eigentlich? Was hat das mit Fotografie zu tun? – stelle ich die Gegenfrage: Kommt das Sehen nicht vor dem Fotografieren? Viele Naturfotografen richten ihr Schaffen an den jahreszeitlichen Höhepunkten aus. Jeder weiß, wie sehr wir dem Erwachen der Natur im Frühling entgegenfiebern oder dem Herbst mit seiner schier unbeschreiblichen Farbenpracht. Unser Tun ist oft dem Kreislauf des Jahres angepasst, und viele von uns planen danach ihre fotografischen Aktivitäten. Wie finde ich an welchem Standort welche Blume? Wann treffe ich auf dieses oder jenes Tier? Fragen, die sich jeder von uns schon einmal gestellt hat. Und hier sind wir wieder auf der englischen Wiese und den Naturbeschreibungen eines Lewis-Stempel. Während wir lesen, erinnern wir uns, schmieden Pläne für die kommenden Monate und lassen uns nach draußen treiben.
Ganz in diesem Sinne funktioniert auch das Buch Wilde Wälder von Roger Deakin. Es erschien nach dessen Tod und wurde in der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz Berlin veröffentlicht. Die Bücher dieser Reihe, deren Herausgeberin Judith Schalansky ist, erzählen von Natur, von Tieren und Pflanzen, von Orten und Landschaften und nicht zuletzt von Menschen. Im angelsächsischen Raum würden viele der erschienenen Bücher wohl am ehesten mit dem Etikett Nature Writing versehen. Deakin versenkt sich in diesem Buch ganz in das fünfte Element: das Holz. Er schreibt im Vorwort: „Wer in einen Wald geht, betritt eine andere Welt, in der er sich verwandelt.“. Ich denke, dass auch der eine oder andere Naturfotograf diesen Satz unterschreiben würde. Die Beschreibungen der Bäume, Wälder und der dort lebenden Menschen sind voller persönlicher Erinnerungen, Anekdoten und Geschichten. Wissenschaftliche Fakten treffen auf Sagen und Legenden rund um diese wilden Wälder. Es gelingt ihm vortrefflich, die kulturelle Bedeutung der Wälder bzw. der Natur für den Menschen darzustellen, ohne dass dabei die Erzählung ins Stocken gerät oder mystisch überfrachtet daherkommt. Er besucht die Wälder seiner britischen Heimat, Frankreichs und Australiens und streift durch die Waldkarpaten. Am faszinierendsten fand ich jedoch seine Schilderung einer Reise zu den wilden Apfelhainen Kasachstans, dorthin, wo der Urahn aller heutigen Äpfel erstmals zu Boden fiel. Seine Ausführungen sind eine wahre Fundgrube für Informationen über eine unserer alltäglichsten Obstsorten, den Apfel. Ähnlich ging es mir auch beim Kapitel Die Walnusswälder des Südens und der darin beschriebenen Ernte der wilden Walnüsse durch die Einheimischen in den kirgisischen Gebirgswäldern. Danach habe ich unseren Walnussbaum auf dem Hof mit anderen Augen gesehen, und falls jemand bis heute noch nicht Honig und Walnüsse zusammen gegessen hat, sollte er dies schleunigst probieren. Ein wunderschönes Buch!
Zu guter Letzt möchte ich noch auf einen anderen Klassiker der englischen Naturbeschreibungen aufmerksam machen. Es handelt sich um das Buch Der Wanderfalke von J.A. Bakers, welches erstmals 1967 veröffentlicht wurde. Fünf Jahre zuvor erschien Rachel Carsons Buch Der stumme Frühling, und auch in Britannien wirkte sich der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft katastrophal auf die gesamte Greifvogelpopulation aus. Während Baker die Beobachtungen für sein
Buch anstellte, sanken die Bestände der Wanderfalken in seiner Heimat um 50%. Es muss für ihn ausgesehen haben, als sei er nur noch Chronist des Untergangs der belebten Natur – eine Parallele, die leider auch in unserer heutigen Zeit nichts von ihrer traurigen Aktualität verloren hat. Doch nun zum eigentlichen Buch. Die verdichtetste Inhaltsangabe befindet sich im Vorwort der deutschen Ausgabe, welche 2014 in der schon erwähnten Reihe Naturkunden erschien. Robert Macfarlane bringt es dort auf den Punkt, wenn er schreibt: „Der Wanderfalke ist ein Buch, in dem sehr wenig passiert, und das Hunderte Male. Sonnenaufgang. Der Mann beobachtet, der Vogel jagt, der Vogel tötet, der Vogel frisst. Sonnenuntergang. Und so weiter und so fort, sieben Monate lang.“ Baker beschreibt in seinem als Tagebuch angelegten Bericht das Leben eines Wanderfalkenpaares im Zeitraum von Oktober bis April im Osten Englands, einer Gegend mit Marschen, Wäldern, Feldern, Flüssen, Watt und Meer. Während der fast täglichen Beobachtung scheint Baker selbst zum Vogel zu werden. Ist er anfangs damit beschäftigt, die Falken ausfindig zu machen, kommt er mit der Zeit immer näher an die Falken heran, physisch, aber auch psychisch. Aus dem Ich des Erzählers wird zunehmend ein Wir, aus der Menschperspektive die Perspektive des Vogels. Wir haben eine Handlung, die sich Hunderte Male wiederholt, verwoben mit einer Vogelwerdung des menschlichen Erzählers. Warum in drei Teufels Namen sollte man sowas lesen? Weil es Baker gelingt, mit Genauigkeit, Konzentration auf das Wesentliche und einer schier unglaublichen Erzählkunst den Leser während des gesamten Buches zu fesseln. Die Beschreibungen der Vögel, der Umgebung, des Lichtes und des Wetters machen das Buch zu einem wahren Vergnügen. Und da ich mit dem November begonnen habe, will ich auch damit enden: „2. November – Das Land schimmerte in Goldgelb, Bronze und Rostrot, erstrahlte wasserklar, in eine See aus Herbstlicht getaucht. Der Wanderfalke sank hinauf in blaue Weiten und lockte Vogelstriche in die Höhe.“
In diesem Sinne. Du bist, was Du liest!

4 Kommentare zu „Briefe aus der Provinz / 04/2018

  1. Oh, den Wanderfalken mag ich auch sehr, habe ihn auch meiner Mutter geschenkt, die gleich sehr darin versunken ist. Sie hat es an ihren Bruder weiter geliehen,…
    Dazu muss ich sagen, dass diese aufgezählten Personen sehr naturverbunden sind, beruflich und weil sie es einfach von Geburt an waren. Dann versteht man diese Buch erst richtig. Denn jeder Tag in der Natur scheint nur dem anderen zu gleichen, es sind die vielen Augenblicke, die mancher nicht sieht.
    Eine ganz eigene Poesie.
    Die anderen Bücher stehen schon länger auf meiner Liste.
    Agesehen davon, werde ich jetzt mal noch mehr bei Dir stöbern.
    Liebe Grüsse und gesund bleiben
    Nina

    Gefällt 1 Person

  2. Wunderbare Tipps! Jetzt freue ich mich noch mehr auf Roger Deakins Buch „Wilde Wälder“! Das liegt hier schon eine ganz Weile und wartet auf den richtigen Zeitpunkt. Von John Lewis-Stempel kenne ich inzwischen alle 3 ins Deutsche übersetzten Werke. Meine Sucht begann mit „Ein Stück Land“, das du hier so treffend beschreibst. Kürzlich habe ich „Im Wald“ zuende gelesen. Das wird dir sicher auch gefallen, denn es ist wieder eine Art Tagebuch über ein ganzes Jahr Naturbeobachtung, während der Autor einen kleinen Wald bewirtschaftet. Sein Stil hat etwas Meditatives 🙂

    Gefällt 1 Person

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