Galerie

Briefe aus der Provinz, Raben in MV / 01/2019

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Peter Krauss „Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?“ Naturkunden, 2017

Erwin Strittmatter „Schulzenhofer Kramkalender“, 1969

Carl Wüstnei + Gustav Clodius „Die Vögel der Grossherzogthümer Mecklenburg“ Güstrow 1900 bzw. BS-Verlag, 2004

Rudolf Kuhk „Die Vögel Mecklenburgs“, Güstrow 1939 bzw. Rangsdorf 2012

Karl Heinz Moll „Unter Adlern und Kranichen“, Wittenberg, 1967

Klafs + Stübs (Hrg.) „Die Vogelwelt Mecklenburgs“, Jena, 1979

Wenn die Tage kürzer werden und die Rufe … hat man irgendwann keine Lust mehr, sich gemütlich im warmen Stübchen hinzusetzen und ein Buch zu lesen. Es zieht einen nach draußen, egal ob es regnet oder schneit, ob die Sonne lacht oder der Tag sich von seiner grauen Seite zeigt.
Der Drang, die behagliche Eintönigkeit aus Essen, Lesen, Wärme und Menschen zu verlassen, erfasste auch mich, und so beobachtete ich zum Jahreswechsel Kolkraben am Rande eines Waldes inmitten der mecklenburgischen Flurlandschaft.
Die matschigen graubraunen Felder boten wenig, bis ich die großen schwarzen Vögel aufsteigen sah. Kaum sind sie in der Luft, zerreißt ihr explosionsartiges krackrackrack die Stille des Tages. Sie steigen hoch, lassen sich fallen. Es scheint, als wollen sie sich gegenseitig fangen und durchkreuzen dabei einen unsichtbaren Ozean aus Luft mit Strudeln, Strömungen und Untiefen. Die Raben jagen sich, sie fliegen steil in den grauen Himmel, nur um sich urplötzlich eines anderen zu besinnen und wieder der Erde entgegen zu rauschen.
Sie fliegen über-, unter- und nebeneinander in Zweier- und Dreiergruppen. Sie singen, oder sagen wir mal, sie schreien und krächzen einander ihre Lieder zu, dass es eine wahre Freude ist, ihnen bei ihrem Treiben zuzusehen. Da bloßes Zusehen und Genießen, trotz aller ehrlich gemeinten Beteuerungen, leider oft nicht abendfüllend sind, fotografiere ich das Schauspiel und gehe vom Hunger getrieben nach Hause. Bilder im Kasten, Fotograf zufrieden, Thema (Raben) abgehakt. So weit so gut, dies kennt, denke ich, jeder.
Doch dieses Mal eben nicht. Noch berauscht von den Flugkünsten der Raben und ihrem Krächzen im Ohr, nehme ich mir meine alte und zerlesene Ausgabe des Schulzenhofer Kramkalender von Erwin Strittmatter vor. Es ist ein Buch, welches 1969 erschien und zumeist kurze Naturbeschreibungen aus der Rheinsberger Gegend enthält. Das Buch begleitet mich seit meiner Jugend, und es passiert immer wieder, dass ich es hervornehme, um Strittmatters Geschichten mit meinem Erleben und meinen Beobachtungen in der Natur zu vergleichen. Wie gesagt, auch dieses Mal hole ich zuhause das alte Buch hervor, um nach Anekdoten über Kolkraben zu suchen und werde fündig.
KORK, KORK, diesen Laut hatte ich vor Jahren im Hochgebirge gehört, und es mußte der Schrei des Kolkraben sein. Raben bei uns, am Rande von Mecklenburg? Es war so, und es waren zwei Kolkraben wie in der Bibel, Kapitel Sintflutgeschichte, und sie flogen aufeinander zu, flogen untereinander und übereinander und liebten sich so selbstverständlich wie jenes Liebespaar hinten in den Wiesen zwischen den Gansblumen.“, schreibt Strittmatter im Kapitel Die Kolkraben.
Stutzig werde ich beim Satz Raben bei uns, am Rande von Mecklenburg?. Eigentlich sind Strittmatters Naturbeobachtungen vertrauenswürdig. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendwann einmal keine Kolkraben hier in der Gegend gab. Oder wurden in meinen Kindheitserinnerungen aus Saatkrähen Kolkraben, beide schwarz und krächzend? Bleibt wieder einmal nur der Blick in die Bücher, denen ich mit meinem Ausflug eigentlich hatte entfliehen wollen.
Gehen wir mal chronologisch vor. Seit dem 17. Jahrhundert wurden in Deutschland Kolkraben nachweislich verfolgt. Ende des 19. Jahrhunderts war dann ein massiver Rückgang zu verzeichnen, zum einen durch Abschuss, zum anderen durch das Auslegen von Phosphor- und Strychnineiern.
In der im Jahre 1900 erschienen Abhandlung Die Vögel der Grossherzogthümer Mecklenburg ist zu lesen, dass Raben im Sommer in Mecklenburg recht selten geworden waren, jedoch im Herbst und Winter nordische Vögel zum Überwintern bei uns einfielen. Brüteten die Vögel früher in jedem größeren Walde, sind Brutpärchen um 1900 schon eine Seltenheit und werden auch weiterhin stark verfolgt.
1939 berichtet Kuhk, einer der herausragenden Ornithologen seiner Zeit, in seinem Buch Die Vögel Mecklenburgs von ganzen drei Brutpaaren des Kolkraben in Mecklenburg und einer starken Abnahme der ziehenden nordischen Raben im Winter. Um 1940 war das nördliche Mitteleuropa bis auf kleine Restpopulationen faktisch frei von Kolkraben. Ab 1970 kam es dann jedoch langsam zu einer Wiederbesiedlung der alten Gebiete im Norden unseres Landes, ausgehend von den Mittel- und Hochgebirgen.
Irgendwann muss sich jedoch etwas geändert haben. Im Klassiker Unter Adlern und Kranichen des Tierfotografen Karl-Heinz Moll von 1967 berichtet dieser bei mehreren Adleransitzen an der Müritz von Beobachtungen, bei welchen sich auch Kolkraben neben Seeadlern am ausgelegten Luder einfanden.
Gehen wir weiter in der Zeitskala und schauen in das Buch Die Vogelwelt Mecklenburgs von 1979. Zu diesem Zeitpunkt muss es schon wieder Kolkraben in MV gegeben haben. 1973 wurde gemäß Sonderregelung der Obersten Jagdbehörde auf Antrag der Abschuss der schwarzen Vögel gewährt, was ca. 500 erlegte Exemplare jährlich bedeutete. Diese Bestandsregulierung diente dazu, die Schäden an geschützten und jagdbaren Tierarten, welche durch Kolkraben verursacht wurden, zu minimieren.
Dank der Europäischen Vogelschutzverordnung von 1979 sind auch die Kolkraben heute geschützt, was neben ihrer Intelligenz und großen Anpassungsfähigkeit ausschlaggebend für die heutige positive Bestandsentwicklung war.
2014 gibt es gab es laut dem Atlas Deutscher Brutvogelarten einen Brutbestand von 15.500 – 22.000 Revieren in Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern sollen es an die 2.700 – 4.000 Brutpaare sein.
Trotz dieser positiven Bestandsentwicklung werden jedoch immer wieder Rufe nach Abschuss dieser Vögel laut. Als Grund dafür werden die Verringerung der durch Raben hervorgerufenen Schäden an geschützten Tierarten und der Schutz des Weideviehs, besonders der Lämmer und Kälber, angegeben. Eine Woche nach meinen Beobachtungen erschien in unserer Tageszeitung ein Artikel über Raben mit der Überschrift Streng geschützter Vogel macht Ärger und der nachfolgende Satz lautete: Kolkraben machen den Schäfern Sorgen, denn sie töten Lämmer.

Und was beweist die Rabengeschichte wieder einmal? Natur verändert sich ständig. Dinge, die wir in unserer relativ kurzen Lebensspanne für immerdar halten, sind es in den seltensten Fällen. Bücher und nicht zuletzt Naturfotos helfen beim Erinnern und Festhalten. Sie dokumentieren und sind Bestandsaufnahmen der Zeit. Und wenn ich an die unscharfen, körnigen und schwarzweißen Kolkrabenbilder des zuvor erwähnten Moll aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts denke, sind sie ein Beleg, mit dem die Rückkehr der Raben in Mecklenburg-Vorpommern sichtbar wird. Und noch etwas, Strittmatter hatte recht – sie kamen zurück!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s