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Briefe aus der Provinz „Anleitungen zur Aufmerksamkeit “ / 01/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Anleitungen zur Aufmerksamkeit

Statt Schnee und Eis erlebten wir gerade den wärmsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in unseren Breiten. Einzig und allein die Kürze der Tage stimmte noch mit meinen Kindheitserinnerungen an diese Jahreszeit überein. Trotz der Plusgrade draußen musste ich heizen. Bisher hatte ich Feuerholz gefällt, gesägt, gespalten, herangeschleppt, gehackt und gestapelt, aber noch nie daran gedacht, dass ich mehrere Dekaden Sonne, Wind und Geschichte verfeuere. Anders dagegen Aldo Leopold in seinem bei Naturkunden erschienenen Buch Ein Jahr im Sand County. In der Februar-Episode führt er mittels der Jahresringe eines Eichenscheites durch das 80jährige Leben des Baumes. So wie die Säge die Jahresringe offenlegt, so legt er dessen Geschichte frei und erzählt von den Ereignissen des Landes, die den Baum unweigerlich formten. In diesem, dem ersten Teil des Buches, beschreibt er exemplarisch den Jahreszyklus auf seiner Farm am Wisconsin River in Sand County mittels monatlicher Naturbeobachtungen. Im zweiten Teil Skizzen von dort und hier zeigt er Probleme des Naturschutzes auf, um im dritten Teil Das Ende vom Lied Ideen zu erörtern, welche zur Lösung der aufgezeigten Probleme beitragen können. Wenn Platz dafür wäre, würde ich den gesamten Text des von Leopold 1948 verfassten Vorwortes an dieser Stelle zitieren. Schon die ersten zwei Sätze beschreiben treffend die Grundhaltung des Buches: „Manche können ohne wilde Dinge leben und manche können es nicht. Diese Essays sind die Freuden und Verzweiflungen von einem, der es nicht kann.“ 1948 stellt er die Frage, „… ob ein noch höherer „Lebensstandard“ den Preis der natürlichen, wilden, freien Dinge wert ist.“ Und ich frage mich 72 Jahre später, warum sich darüber scheinbar nicht mehr Menschen Gedanken machen und dementsprechend handeln. Das Buch enthält vordergründig keine lieblichen Naturbeschreibungen, es ist kein Ratgeber für den richtigen Umgang mit ihr. Es ist eine Sammlung von Schriften und Essays eines der Pioniere des Naturschutzes, der ohne die Herausgabe dieses Buches wohl gänzlich im deutschsprachigen Raum dem Vergessen anheimgefallen wäre. Es regt zum Hinterfragen des eigenen Verhaltens an, der eigenen Verantwortung gegenüber der Natur. Jürgen Brôcan fasst dies im Nachwort treffend zusammen: „Naturschutz ist eine Haltung, die ethisches Handeln und Denken ebenso erfordert wie stiftet.“ Ein Buch aktueller denn je und nicht zuletzt ein Impuls für die Auseinandersetzung mit dem Thema Ethik in der Naturfotografie.

Ebenfalls quasi an den Kamin gefesselt hat mich auch John Lewis-Stempels Mein Jahr als Jäger und Sammler. Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben. Nach Ein Stück Land ist es das zweite in Deutschland erschienene Buch des Briten. Er berichtet von seinem Versuch, sich ein Jahr lang von dem zu ernähren, was er auf seiner 16 Hektar großen Farm sammelt, fischt und jagt. Und es gibt wirklich nichts, was nicht verwertet wird. Dies ist auch nötig, denn besonders in den Wintermonaten ist der Tisch in der Natur doch sehr spärlich gedeckt. So sieht der Kalender seiner wilden Nahrungsmittel im Februar wie folgt aus: Tauben, Kaninchen, Grauhörnchen, Löwenzahn, Feldsalat und Brennnesseln. Fertig. Basta. Vielleicht noch ein bisschen Eingelegtes und Eingekochtes, dann ist Schluss mit den kulinarischen Freuden. Der Autor erzählt von seinem Leben, in welchem sich eigentlich alles nur um die Nahrungssuche dreht, auf witzige und erdverbundene Weise. Er berichtet ironisch, wie sein Experiment von der restlichen Familie belächelt wird, wie er zweifelt und sich motiviert, dennoch durchzuhalten. Den Reiz des Buches macht für mich aber aus, wie sich Lewis-Stempels‘ Betrachtung der Natur, des Landes verändert (und letztendlich auch die des Lesers). Wie zum Beispiel unscheinbare Pflanzen, die wir gemeinhin mit Nichtachtung strafen, neu gesehen und dadurch Teil unserer Welt werden. Man begegnet der Natur anders, und sei es nur, dass man sich nach der Lektüre des Buches vornimmt, den Frühling mit einer Suppe aus Vogelmiere und einem Brennnesselbier einzuläuten. Die entsprechenden Rezepte gibt’s im Buch gratis. Unterschreiben würde Lewis-Stempels wohl auch folgenden Satz aus Annie Dillards Pilger am Tinker Creek:

Wenn ich nicht bewusst meine Aufmerksamkeit auf das richte, was vor meinen Augen geschieht, werde ich es schlicht nicht sehen.“ Annie Dillard, Pilger am Tinker Creek

Dieses Zitat findet sich in der Einleitung von Jürgen Goldsteins Naturerscheinungen. Die Sprachlandschaften des Nature Writing; es könnte aber auch in jedem Lehrbuch für Naturfotografie stehen. Im Buch von Goldstein geht es jedoch nicht um Fotografie, sondern, wie der Name schon sagt, um Nature Writing. Laut Einleitung setzt Nature Writing „… auf die Einsicht, dass Sprache unser Denken formt und somit die Wirklichkeit, in der wir leben. Es unternimmt den Versuch, einen sensiblen Zugang zur entgleitenden Natur zu bewahren.“ Erst habe ich befürchtet, dass Buch biete eine bloße Aufzählung, Inhaltsangabe und Interpretationshilfe für die gängigsten Werke des Nature Writing, wie H.D. Thoreaus Walden, J.A. Bakers Der Wanderfalke oder der Werke von Robert Macfarlane, aber das wäre deutlich zu kurz gegriffen. Ja, wichtige Werke werden erläutert, eine geschichtliche Einordnung des Genres findet statt, aber das Buch ist weit mehr: Es verschafft Eingang in die Mannigfaltigkeit und Vielschichtigkeit dieser Literaturform und verdeutlicht dies an Beispielen. Der Hinweis des Autors an die „aufzubringende Ausdauer“ des Lesers ist gleichweg als Hinweis zu verstehen, dass man sich manchmal regelrecht durch das Buch durcharbeiten muss. Aber auch hier lohnt sich der Aufwand. Es ging mir mehrfach so, dass ich beim Lesen innehielt, um über bestimmte Sätze oder Passagen nachzudenken und sie ein zweites Mal zu lesen. Das gesamte Buch durchzieht die Aufforderung „… den scheinbar belanglosen Naturereignissen vor der eigenen Haustür Aufmerksamkeit (zu) schenken. … Die Aufmerksamkeitsschulung, das Vertraute und Naheliegende nicht zu übersehen, sondern in seiner Bemerkungswürdigkeit hervortreten zu lassen, ist das Ziel.“ Nature Writing ermöglicht es, mit der Natur in Kontakt zu treten und dabei zu sein. Ähnlich ist es ja auch mit unseren Bildern. Viele Menschen sagen, sie fotografieren, um anderen die Schönheit der Natur zu zeigen, ihnen diese dadurch näher zu bringen und damit für ihren Schutz zu werben. Dies ist definitiv besser als nichts, ersetzt aber, wie Goldstein meint, nicht, „… den unmittelbaren Eindruck, die Erfahrung der Natur vor Ort.“ Trotzdem kann das Beschreiben der Natur oder auch ein Naturfoto zeigen, dass ein Baum, eine Landschaft, ein Tier mehr ist, als der bloße Verwertungsnutzen, auf den Natur zumeist reduziert wird. Ich wünsche mir, dass dieses Buch seine Leserschaft findet, denn es könnte zum Standardwerk für Natur Writing werden.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf das neue Buch von Johann Brandstetter Über Leben. Die Wiederentdeckung der Natur aufmerksam machen. Ich mag Zeichnungen, und manchmal glaube ich, dass ich nur fotografiere, weil ich nicht zeichnen kann. Das Buch gliedert sich in drei Teile, einen Essay von Andreas Weber, den Bildteil und ein Gespräch von Brandstetter mit der Kunsthistorikerin Annette Scholl. Besonders der Illustrationsteil ist eine Hommage an die Vielfältigkeit der Natur und des Lebens. Auch hier ist die Aufmerksamkeit des Künstlers auf die Natur gerichtet, und die Werke preisen ihre ganze Einzigartigkeit und Schönheit. Doch auch Brandstetter sagt: „Ich male Verlorenes, damit es bleibt.“

In diesem Sinne: Du bist, was du liest!


Aldo Leopold „Ein Jahr im Sand County“, Naturkunden, Matthes & Seitz

John Lewis-Stempel „Mein Jahr als Jäger und Sammler. Was es wirklich heißt, von der Natur zu Leben.“, Dumont

Jürgen Goldstein „Naturerscheinungen. Die Sprachlandschaften des Nature Writing“, Matthes & Seitz

Johann Brandstetter „Über Leben. Die Wiederentdeckung der Natur“, oekom

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