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Fotozine – im Quadrat 02

Die neue Ausgabe des im Quadrat Fotozine ist erschienen. Diesmal mit dabei: Livefotos der Rostocker Band Entrails Massacre von 2015 – 2019 aufgenommen von Julie Rodroguez, Jörg Kandziora und Patrick Spruytenburg, Brandenburger (Wasser)-Landschaften von Thomas Wegner sowie 9 meiner Kranichbilder.

Das Heft hat 32 Seiten im 21x21cm Format, ist handnummeriert, gestempelt, auf 100 Exemplare limitiert und nur echt mit Postkarte. Ein Heft kostet 5 € + Versand. Bestellung am besten über Instagram: @_imquadrat_ oder einfach eine Mail über imquadrat@xyz.de

The new edition of im Quadrat photozine has been published. This time there: Live photos of the Rostock band Entrails Massacre from 2015 - 2019 taken by Julie Rodroguez, Jörg Kandziora and Patrick Spruytenburg, Brandenburger (water) landscapes by Thomas Wegner and 9 of my crane pictures.

The booklet has 32 pages in 21x21cm format, is hand-numbered, stamped, limited to 100 copies and only genuine with a postcard. A booklet costs 5 € + postage. It is best to order via Instagram: @_imquadrat_ or simply send an email to imquadrat@xyz.de

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im Quadrat, Ausgabe #01

Wir haben Frühjahr 2021 und es jährt sich der 1. Lockdown in Deutschland.
 Was habe ich mir damals vorgenommen. Gitarre spielen lernen – es wurden 3 Griffe. Endlich Englisch lernen – es wurden 3 Worte. Aber wem erzähle ich dies hier?
 Was mich aber vom Wahnsinn abhielt, war neben meiner Familie, die Fotografie mit allen ihren Facetten. Bilder erzählen Geschichten und können es schaffen unseren Horizont zu erweitern. Sie vermögen es, Abbild der Realität und unserer Träume zu sein. Sie zeigen uns die Welt und lassen uns teilhaben am Leben anderer. Doch nicht nur das, sie sind ein Tor zur Welt, besonders in Zeiten wie diesen. 
Ich mag Fotos und zwar am liebsten in gedruckter Form. Viele gute Aufnahmen fristen heute ein Leben im Netz, welches meist nicht mehr als 24h andauert. Dann ist es im Feed nach unten gerutscht und in Vergessenheit geraten bzw. von der tagtäglich dahin strömenden Bilderflut weggespült.
 Bilder und somit Geschichten geraten in Vergessenheit, schneller noch als die B-Seite einer Hitsingle.
 Lange Rede, kurzer Sinn! Als ich jung war, haben Freunde und ich ein Punk-Fanzine heraus gegeben. Wir haben geschrieben, geschnippelt, layoutet, den Kram dann zusammengeklebt, alles per Hand kopiert und geheftet. Fertig war das Zine. Ca. 250 Hefte wurden dann verteilt, zum Teil verkauft, zum Teil getauscht. 
Warum sollte dies nicht auch heute funktionieren? Schicke Fotozines wie die Hefte aus dem Hause Fistful of Books aus Schottland oder das Photographie schwarz weiß Journal aus MV machen es vor.


Die Idee hinter diesem Heft: 3 Fotografen – 3 Geschichten, 32 Seiten im 210mm Quadrat. Das Ganze in einer handnummerierten und gestempelten Auflage von 100 Heften. Preis incl. Porto 7,00 €. Mal sehen was draus wird.


Kontakt und mehr Infos unter Instagram: @_imquadrat_ oder imquadrat@xyz.de

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Briefe aus der Provinz „Eine Perlenspur aus Luftblasen“ / 04/2019

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Hat jemand schon einmal versucht, freilebende Fischotter zu fotografieren? Mir kam diese glorreiche Idee im Herbst 2017. Warum? Was weiß ich, du wachst aus dem Mittagsschläfchen auf und peng manifestiert sich der Gedanke: Fotografiere ich im nächsten Jahr doch mal Fischotter. Wahrscheinlich habe ich aber als Kind nur zu oft den Film Tarka der Otter gesehen. Jener Film basiert auf einer 1927 erschienenen Novelle von Henry Williamson und trägt den Untertitel Sein lustiges Leben im Wasser und sein Tod im Lande der Zwei Flüsse. Williamson beschreibt das Leben des Otterrüden Tarka in der Landschaft von North Devon, England. Er selbst
verfasst im Nachwort, „Nur die Landschaft von Devon war wichtig: mit ihren Flüssen, Bäumen, Tieren und Menschen sollte sie in meinem Buch ein wirklichkeitsgetreues Abbild finden.“. Er nimmt den Leser mit in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Otter noch mit Jagdgesellschaften und großen Hundemeuten gejagt
wurden. Es gelingt ihm, mit großer Liebe zum Detail und grandios schönen Naturschilderungen dem Otter und der Landschaft ein literarisches Denkmal zu setzen. Noch heute kann man einem Tarka-Trail folgen und das Land der zwei Flüsse erkunden.

Quasi mit Tarka als Patron, vereinzelten Otterbegegnungen und einer Menge Nichtwissen war ich frohen Mutes und voller Tatendrang in Bezug auf mein Vorhaben. Das Projekt „Fischotter 2018“ hörte sich erstmal, wie ich fand, ziemlich cool an. Jedoch fragte ich mich im Laufe des Jahres immer ernsthafter, was für eine Schnapsidee ich da hatte? Die Wassermarder sind alles, nur nicht wirklich kooperativ.
Das Resultat der ersten zwölf Monate: Ich lernte anhand ihrer Spuren, wo es Otter gab und wo sie entlangstreiften. Ich lief in meiner freien Zeit Gräben ab, fand Otterwechsel, freute mich über jeden Haufen Otterscheiße und verbrachte Stunden in unbequemen Verstecken. Aber zu Gesicht bekam ich maximal Biber, Waschbären oder Bisamratten. Otter sah ich extrem selten, geschweige denn gelang es mir, Fotos zu machen.
Ich habe aber auch festgestellt, dass man bei Minusgraden nach spätestens drei Stunden im Tarnversteck kalte Füße bekommt, egal wie viele Socken man anhat, und dass frische Otterspuren kein Garant für Otterbilder sind. Es ist eher so wie Robert Macfarlane in seinem bei Naturkunden erschienenen Buch Die verlorenen Wörter im Gedicht Otter schreibt:
Tauchend wandelt er Gestalt, schier
atemberaubend – doch siehst du nur ein
Schattenflackern, einen Strudelstrang
und niemals (beinahe niemals) wirklich Otter
.“
Wie treffend! Bis auf wenige Sichtungen, die mir zeigten, dass ich mich nicht im otterfreien Raum bewegte: nichts. Da waren beispielsweise im Frühjahr ausgelutschte blaue Moorfroschhäute am Gewässerrand schwimmend oder im Winter deutliche Trittsiegel auf schneebedecktem Eis. Nur kein wahrhaftiger Otter! War ich da, waren die Objekte meiner Begierde schon weg. Einmal begegnete ich in einem Otterrevier einem wildfremden Wanderer, der mir prompt und voller Freude erzählte, er habe „vor 20 Minuten da hinten irgendwo“ drei Otter über das Eis laufen und im Schnee tobend gesehen. Ob ich mir vorstellen könne, wie schön das gewesen sei? Unfähig zu sprechen, konnte ich nur noch schluchzen, nicken und mich von dannen trollen.
Bekam ich jedoch mal einen Wassermarder zu Gesicht, wurde ich sofort in seinen Bann gezogen. Es gibt wohl wenig Faszinierenderes als einen Otter im Wasser. Zum Jahresende fand ich in Jan Wagners Gedichtsammlung Regentonnenvariationen die perfekte Beschreibung eines Otters, die mich ins neue Jahr
trug.
… ist im wasser
beweglicher als wasser, steigt als welle
an irgendeinem ufer an land
,“
Im Januar dieses Jahres hatten wir ein paar Tage Schnee, und ich machte mich auf die Jagd nach einem Bild vom Otter inmitten weißer Pracht. Da die Winter in Mecklenburg-Vorpommern heutzutage meist nur episodischen Charakter haben, blieb wenig Zeit sich für ein Wo und Wann zu entscheiden. Also alles auf eine Karte gesetzt, bevor sich der Schnee in Matsch verwandelt. Doch ich bin irgendwie immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Mehr als Spuren im Schnee bekam ich nicht zu Gesicht. Im April dann ein Showdown im
Anklamer Stadtbruch: Ich stehe auf dem alten ahndamm, ein Otter passiert diesen, er schaut mich an, ich starre ihn an, wir beide sind für den Bruchteil einer Sekunde wie versteinert, und ehe ich die Kamera auf ihn gerichtet habe, ist er auch schon wieder im Wasser. So kann es nicht weitergehen! Etwa zum Zeitpunkt der oben beschriebenen Begegnung bekomme ich das 2018 erschienene Buch Der Fischotter. Ein heimlicher Jäger kehrt zurück aus dem Haupt-Verlag in die Hände. Auf 256 Seiten präsentieren die Autoren Irene Weinberger und Hansjakob Baumgartner den aktuellen Erkenntnisstand zum Thema Fischotter. Herkunft, Verwandtschaft, Sozial- und Revierverhalten, Futtersuche, Markierungen, Aufzucht, Lebensräume,
Ausbreitung sowie das Verhältnis Otter-Mensch bzw. Otter-Teichwirt – es gibt kaum ein Thema, welches die Autoren nicht behandeln und mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen untermauern. Illustriert ist das Buch mit unzähligen schönen Fotos, u.a. von Laurie Campbell, der 2017 einen Ottervortrag in Lünen hielt. Ich lese, staune und lerne. So zum Beispiel, dass junge Otter einen starken Auftrieb im Wasser haben und sie daher scheinbar deutlich höher liegen als Alttiere. Ich lese aber auch „Fischotter leben überaus heimlich und
sind … tagsüber unsichtbar
.“ (S. 96). Egal, je mehr ich über diese Tiere erfahre, desto begeisterter bin ich. Das Ziel heißt weiterhin, Otter zu beobachten und möglicherweise zu fotografieren.

Ausgerüstet mit neuem Wissen und den Erfahrungen der vergangenen Jahre, beginne ich erstmals, meine Taktik zu ändern und konzentriere mich auf einige wenige Gebiete. Im oben beschriebenen Buch fand ich folgende Sätze „Tiere bewegen sich nicht zufällig durch die Landschaft. In der Regel hat jedes ein bestimmtes Streifgebiet.“ (S.102). Ich kenne Otterreviere und weiß, wo die Tiere gelegentlich umherstreifen. Mathematisch gesehen, müsste sich die Wahrscheinlichkeit einer Otterbegegnung erhöhen, wenn ich nicht ziellos umherirre, sondern immer brav denselben Ort aufsuche. Irgendwann kommt er – vielleicht.
Und die Taktik ging auf! In einem Gebiet unweit unseres Dorfes klappte es schließlich. Durch die räumliche Nähe bot sich mir die Möglichkeit, dort überdurchschnittlich oft in den Morgenstunden unterwegs zu sein. Mein Fokus lag anfangs nicht unbedingt auf den Ottern, aber ich wusste, dass sie im Revier sind und mathematisch gesehen …
Im Frühjahr hatten sich auf einer Wasserfläche zwei kleine Lachmöwenkolonien gebildet. Eines Morgens im Mai herrschte in einer der Kolonien große Aufregung. Ein Reiher schien zu testen, wie tolerant sich die Lachmöwen ihm gegenüber verhielten, wohl auch im Hinblick auf die zu erwartenden Möwenküken, die er nicht verschmäht. Da Toleranz zumeist ein den Möwen wesensfremder Zug ist, war das Spektakel entsprechend groß. Als einige Tage später die Möwen wieder in heller Aufruhr waren, war es kein Graureiher, der sich der Kolonie näherte, sondern ein Otterrüde. Er schwamm auf die Nester zu, wurde aber unter viel Getöse, Krawall und der bekannten Null-Toleranz-Mentalität erfolgreich von den Möwen vertrieben und suchte sein Heil in der Flucht.
An derselben Stelle Anfang August traute ich meinen Augen nicht, als ich kurz nach Sonnenaufgang eine Fähe mit ihren zwei fast ausgewachsenen Jungen fotografieren konnte und nur Minuten später ein kapitaler Rüde
angeschwommen kam. Vier Otter innerhalb von 20 Minuten – unfassbar.
Von Anfang August bis Ende September konnte man nun fast täglich Otter beobachten. Insgesamt hielten sich in einem Revier mit einer Wasserfläche von ca. sechs Hektar bis zu sechs verschiedene Otter auf. Neben den oben beschriebenen Tieren noch eine weitere Fähe mit ihrem Jungtier. Dieses hatte, wie in Der Fischotter
beschrieben, solch einen Auftrieb, dass es manchmal an einen Korken im Wasser erinnerte.
Ab Ende September wurden die Beobachtungen dann deutlich weniger und erreichten quasi Normalzustand“, und jetzt im November sieht man mit viel Glück einen Otter, welcher dezent in der
Dämmerung, eingehüllt von grauem Nebel, wie ein Schatten durchs Wasser gleitet.
Das Fazit der Geschichte: Je mehr man über sein Fotomotiv weiß, desto mehr erhöht sich die Chance, es vor die Linse zu bekommen. Dies ist sicherlich richtig. Ich glaube aber, es war einfach nur verdammtes Glück, und ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort!

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Briefe aus der Provinz, Raben in MV / 01/2019

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Peter Krauss „Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?“ Naturkunden, 2017

Erwin Strittmatter „Schulzenhofer Kramkalender“, 1969

Carl Wüstnei + Gustav Clodius „Die Vögel der Grossherzogthümer Mecklenburg“ Güstrow 1900 bzw. BS-Verlag, 2004

Rudolf Kuhk „Die Vögel Mecklenburgs“, Güstrow 1939 bzw. Rangsdorf 2012

Karl Heinz Moll „Unter Adlern und Kranichen“, Wittenberg, 1967

Klafs + Stübs (Hrg.) „Die Vogelwelt Mecklenburgs“, Jena, 1979

Wenn die Tage kürzer werden und die Rufe … hat man irgendwann keine Lust mehr, sich gemütlich im warmen Stübchen hinzusetzen und ein Buch zu lesen. Es zieht einen nach draußen, egal ob es regnet oder schneit, ob die Sonne lacht oder der Tag sich von seiner grauen Seite zeigt.
Der Drang, die behagliche Eintönigkeit aus Essen, Lesen, Wärme und Menschen zu verlassen, erfasste auch mich, und so beobachtete ich zum Jahreswechsel Kolkraben am Rande eines Waldes inmitten der mecklenburgischen Flurlandschaft.
Die matschigen graubraunen Felder boten wenig, bis ich die großen schwarzen Vögel aufsteigen sah. Kaum sind sie in der Luft, zerreißt ihr explosionsartiges krackrackrack die Stille des Tages. Sie steigen hoch, lassen sich fallen. Es scheint, als wollen sie sich gegenseitig fangen und durchkreuzen dabei einen unsichtbaren Ozean aus Luft mit Strudeln, Strömungen und Untiefen. Die Raben jagen sich, sie fliegen steil in den grauen Himmel, nur um sich urplötzlich eines anderen zu besinnen und wieder der Erde entgegen zu rauschen.
Sie fliegen über-, unter- und nebeneinander in Zweier- und Dreiergruppen. Sie singen, oder sagen wir mal, sie schreien und krächzen einander ihre Lieder zu, dass es eine wahre Freude ist, ihnen bei ihrem Treiben zuzusehen. Da bloßes Zusehen und Genießen, trotz aller ehrlich gemeinten Beteuerungen, leider oft nicht abendfüllend sind, fotografiere ich das Schauspiel und gehe vom Hunger getrieben nach Hause. Bilder im Kasten, Fotograf zufrieden, Thema (Raben) abgehakt. So weit so gut, dies kennt, denke ich, jeder.
Doch dieses Mal eben nicht. Noch berauscht von den Flugkünsten der Raben und ihrem Krächzen im Ohr, nehme ich mir meine alte und zerlesene Ausgabe des Schulzenhofer Kramkalender von Erwin Strittmatter vor. Es ist ein Buch, welches 1969 erschien und zumeist kurze Naturbeschreibungen aus der Rheinsberger Gegend enthält. Das Buch begleitet mich seit meiner Jugend, und es passiert immer wieder, dass ich es hervornehme, um Strittmatters Geschichten mit meinem Erleben und meinen Beobachtungen in der Natur zu vergleichen. Wie gesagt, auch dieses Mal hole ich zuhause das alte Buch hervor, um nach Anekdoten über Kolkraben zu suchen und werde fündig.
KORK, KORK, diesen Laut hatte ich vor Jahren im Hochgebirge gehört, und es mußte der Schrei des Kolkraben sein. Raben bei uns, am Rande von Mecklenburg? Es war so, und es waren zwei Kolkraben wie in der Bibel, Kapitel Sintflutgeschichte, und sie flogen aufeinander zu, flogen untereinander und übereinander und liebten sich so selbstverständlich wie jenes Liebespaar hinten in den Wiesen zwischen den Gansblumen.“, schreibt Strittmatter im Kapitel Die Kolkraben.
Stutzig werde ich beim Satz Raben bei uns, am Rande von Mecklenburg?. Eigentlich sind Strittmatters Naturbeobachtungen vertrauenswürdig. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendwann einmal keine Kolkraben hier in der Gegend gab. Oder wurden in meinen Kindheitserinnerungen aus Saatkrähen Kolkraben, beide schwarz und krächzend? Bleibt wieder einmal nur der Blick in die Bücher, denen ich mit meinem Ausflug eigentlich hatte entfliehen wollen.
Gehen wir mal chronologisch vor. Seit dem 17. Jahrhundert wurden in Deutschland Kolkraben nachweislich verfolgt. Ende des 19. Jahrhunderts war dann ein massiver Rückgang zu verzeichnen, zum einen durch Abschuss, zum anderen durch das Auslegen von Phosphor- und Strychnineiern.
In der im Jahre 1900 erschienen Abhandlung Die Vögel der Grossherzogthümer Mecklenburg ist zu lesen, dass Raben im Sommer in Mecklenburg recht selten geworden waren, jedoch im Herbst und Winter nordische Vögel zum Überwintern bei uns einfielen. Brüteten die Vögel früher in jedem größeren Walde, sind Brutpärchen um 1900 schon eine Seltenheit und werden auch weiterhin stark verfolgt.
1939 berichtet Kuhk, einer der herausragenden Ornithologen seiner Zeit, in seinem Buch Die Vögel Mecklenburgs von ganzen drei Brutpaaren des Kolkraben in Mecklenburg und einer starken Abnahme der ziehenden nordischen Raben im Winter. Um 1940 war das nördliche Mitteleuropa bis auf kleine Restpopulationen faktisch frei von Kolkraben. Ab 1970 kam es dann jedoch langsam zu einer Wiederbesiedlung der alten Gebiete im Norden unseres Landes, ausgehend von den Mittel- und Hochgebirgen.
Irgendwann muss sich jedoch etwas geändert haben. Im Klassiker Unter Adlern und Kranichen des Tierfotografen Karl-Heinz Moll von 1967 berichtet dieser bei mehreren Adleransitzen an der Müritz von Beobachtungen, bei welchen sich auch Kolkraben neben Seeadlern am ausgelegten Luder einfanden.
Gehen wir weiter in der Zeitskala und schauen in das Buch Die Vogelwelt Mecklenburgs von 1979. Zu diesem Zeitpunkt muss es schon wieder Kolkraben in MV gegeben haben. 1973 wurde gemäß Sonderregelung der Obersten Jagdbehörde auf Antrag der Abschuss der schwarzen Vögel gewährt, was ca. 500 erlegte Exemplare jährlich bedeutete. Diese Bestandsregulierung diente dazu, die Schäden an geschützten und jagdbaren Tierarten, welche durch Kolkraben verursacht wurden, zu minimieren.
Dank der Europäischen Vogelschutzverordnung von 1979 sind auch die Kolkraben heute geschützt, was neben ihrer Intelligenz und großen Anpassungsfähigkeit ausschlaggebend für die heutige positive Bestandsentwicklung war.
2014 gibt es gab es laut dem Atlas Deutscher Brutvogelarten einen Brutbestand von 15.500 – 22.000 Revieren in Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern sollen es an die 2.700 – 4.000 Brutpaare sein.
Trotz dieser positiven Bestandsentwicklung werden jedoch immer wieder Rufe nach Abschuss dieser Vögel laut. Als Grund dafür werden die Verringerung der durch Raben hervorgerufenen Schäden an geschützten Tierarten und der Schutz des Weideviehs, besonders der Lämmer und Kälber, angegeben. Eine Woche nach meinen Beobachtungen erschien in unserer Tageszeitung ein Artikel über Raben mit der Überschrift Streng geschützter Vogel macht Ärger und der nachfolgende Satz lautete: Kolkraben machen den Schäfern Sorgen, denn sie töten Lämmer.

Und was beweist die Rabengeschichte wieder einmal? Natur verändert sich ständig. Dinge, die wir in unserer relativ kurzen Lebensspanne für immerdar halten, sind es in den seltensten Fällen. Bücher und nicht zuletzt Naturfotos helfen beim Erinnern und Festhalten. Sie dokumentieren und sind Bestandsaufnahmen der Zeit. Und wenn ich an die unscharfen, körnigen und schwarzweißen Kolkrabenbilder des zuvor erwähnten Moll aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts denke, sind sie ein Beleg, mit dem die Rückkehr der Raben in Mecklenburg-Vorpommern sichtbar wird. Und noch etwas, Strittmatter hatte recht – sie kamen zurück!