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Briefe aus der Provinz „Die Störche sind da!“ / 03/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Die Störche sind da!

Seit 1994 warteten wir in unserem Dorf vergeblich darauf, dass die Störche zurückkehren. In Verlauf der letzten Jahre errichteten wir drei verschiedene Horst-Unterlagen. Bei der letztgeschaffenen im Herbst vorigen Jahres hatte ehrlich gesagt keiner damit gerechnet, dass sie angenommen wird. Doch in diesem Jahr waren die Störche da. Richtig glauben konnten wir es erst, als sie mit Klappern und Brüten anfingen und ein Junges aufzogen. Jetzt, Ende August, sind die schwarzweißen Vögel weg, und der Horst liegt wieder verlassen da. In den letzten Wochen habe ich immer wieder die Aktivitäten unserer Störche fotografiert, doch einige meiner Wunschbilder wollten einfach nicht gelingen. Das ist natürlich nicht weiter schlimm, denn a.) gibt es tausende guter Storchenfotos und b.) kommt das nächste Jahr bestimmt, und damit die Chance, die Fotopläne zu verwirklichen. Vorausgesetzt, die Störche überstehen ihre gefahrvolle Reise in die Überwinterungsgebiete und finden im kommenden Frühjahr wieder den Weg nach Mecklenburg-Vorpommern in unser Dorf.

Heute wissen wir, dass die Klapperstörche aus unserer Gegend wahrscheinlich über den Nahen Osten Richtung südliches Afrika ziehen. Früher dagegen war es für die Menschen nur schwer vorstellbar, dass Vögel in der Lage sind, solch gewaltige Strecken zurückzulegen. Der griechische Universalgelehrte Aristoteles erklärte sich das Verschwinden bestimmter Vogelarten im Herbst damit, dass diese Winterschlaf in Höhlen hielten, eine Vorstellung, die bis weit ins Mittelalter verbreitet war. Andere Gelehrte glaubten beispielsweise, dass Schwalben im Schlamm der Teiche überwintern und Kuckucke sich im Winter in Sperber verwandeln. Dass Störche und andere Zugvögel bis nach Afrika fliegen, um dort den Winter zu verbringen, war nicht fassbar und überstieg die Vorstellungskraft der meisten Menschen. Jedoch, die immer wieder in Europa auftauchenden „Pfeilstörche“ wiesen eindeutig auf die weiten Reisen der Tiere hin. Pfeilstörche sind Störche, die in Afrika von Pfeilen getroffen, aber nicht tödlich verletzt wurden, sodass sie den Rückflug nach Europa bewältigten. Insgesamt soll es von diesen Pfeilträgern fast 30 Exemplare geben. Einer der wohl bekanntesten ist der am 21.05.1822 in Bothmer gefundene Pfeilstorch, dessen Kopie heute noch im Bothmer Schloss im Landkreis Nordwest-Mecklenburg ausgestellt ist. Pfeile dienen ja bekanntlich auch dazu, auf etwas hinzuweisen und diese deuteten eindeutig Richtung Afrika.

Richtig aufregend wurde es aber erst, als die Beringung von Vögeln aufkam. Erstmals Erfolg mit einer Markierung hatte der Postvorsteher Dette aus Berka a. d. Werra, welcher einen Jungstorch mit einem Messingtäfelchen versah. Darauf stand Reichspost Berka a.W., Germania, den 27.07.1880, Dette. Am 20.08. verließ der markierte Storch Berka und am 24.08. wurde er in Nordspanien, 1.200 km von seiner Heimat entfernt, erlegt, was den ersten Beweis der Spanienreise eines Storches erbrachte. Eine weitere, in die Annalen des Vogelzugs eingegangene Geschichte, ist die eines Jungfernkranichs aus dem Tierpark von Friedrich von Falz-Fein in Askania-Nova in Südrussland. Dieser hing besagtem Kranich eine Metallkapsel um den Hals, auf welcher in deutscher, französischer, englischer und russischer Sprache folgender Text stand: „Dieser Kranich ist auf meiner Besitzung Askania-Nova, Gouvernemet Taurien, Südrussland, geboren und erzogen. Es wird gebeten, bekanntzugeben, wo dieser Vogel gefangen und getötet wurde. September 1892. Fr. Falz-Fein.“ Drei Monate später wurde der Vogel dann im afrikanischen Dongola (Sudan) erlegt. Die Kapsel gelangte in die Hände des Kalifen Abdullah, und so wiederum erhielt dessen Gefangener, der Offizier und Forscher Rudolf Saltin, davon Kenntnis, wodurch wir heute von diesem Vorfall wissen.

1899 kam dann Schwung in die Geschichte der Vogelberingung. Der dänische Gymnasiallehrer Hans Christian Mortensen entwickelte die Beringung zu einer wissenschaftlichen Methode weiter, um den Vogelzug zu erforschen und Datenmaterial zusammentragen zu können. Die von ihm verwendeten Ringe hatten fortlaufende Nummern und die Wiederfunde wurden regelmäßig veröffentlicht. In Deutschland gründete Johannes Thienemann 1901 auf der Kurischen Nehrung die Vogelwarte Rossitten, wo ab 1903 unzählige Vögel Ringe erhielten.

Da auch immer wieder Störche zu den beringten Vögeln gehörten, wuchs mit der Zeit auch das Wissen um deren Zugrouten. In dem Büchlein Vögel auf der Reise von Dr. Kurt Floericke, erschienen 1928 im Kosmos-Verlag, gibt es eine Karte zum Storchenzug, auf der die West-Route über Gibraltar und die Ost-Route über den Nahen Osten eingezeichnet sind.

1994 wurde dann der erste Storch, mit dem lauschigen Namen Prinzesschen, von Peter Berthold vom Max-Planck-Institut mittels GPS-Sender getrackt, der bis zum 23.12.2006 Daten lieferte. Das letzte Signal von Prinzesschen kam von einer Farm in Südafrika, wo sie eines natürlichen Todes starb. Auf dem Stein, der ihr Grab markiert, steht „Eine wundervolle Reise geht zu Ende.“ Nachvollziehen kann man den Weg von Prinzesschen im Buch Die Wege der Tiere. Ihre Wanderungen an Land, zu Wasser und in der Luft in 50 Karten von James Cheshire und Oliver Uberti. Mittels GPS und Funk sind Menschen heute in der Lage, die Wanderungen von Tieren in den verschiedensten Elementen und Regionen zu verfolgen. Von solchen Tieren und deren Wanderwegen erzählt dieses Buch mittels Karten und Geschichten. Es ist ein Buch zum Schmökern, zum Staunen und durchaus geeignet, es immer wieder in die Hand nehmen. Es vermittelt die Vielschichtigkeit des Aktionsradius von Tieren über Grenzen hinweg und zeigt auch, dass wir zwar vieles über die uns umgebende Welt wissen, aber längst nicht alles.

Als Alexander Gerst 2018 zur Internationalen Raumstation ISS flog, gehörten zu seinem Forschungs-Gepäck auch die Empfangsantennen des Beobachtungssystems für Tierwanderungen, ICARUS, welche an der Außenseite der ISS angebracht wurden. Durch das internationale Projekt ist es inzwischen möglich, Datensätze von besenderten Tieren weltweit zu empfangen, die mehr als nur deren Standort verraten. Die durch Solarzellen angetriebenen und nur noch 5 Gramm schweren, an den Tieren angebrachten Sender liefern kontinuierlich Daten über Außentemperatur, Luftdruck, Feuchtigkeit, Beschleunigung und das Erdmagnetfeld. Die Daten werden von der ISS empfangen und dann an die Forscher weitergeleitet. Diese versprechen sich u.a. aus dem Verhalten der Tiere, Erbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche vorhersagen zu können. Nach der Testphase und ersten technischen Startschwierigkeiten wird das Projekt nun im Herbst 2020 an den Start gehen. Gestoßen bin ich auf diese Geschichte in dem bei Kosmos erschienen und von Christian Schwängler herausgegeben Buch Die Flugbegleiter. Von einem Geiger, der Frieden stiftet, Hightech-Störchen und andere Reportagen über Vögel und Menschen. Das Projekt Flugbegleiter vereint 10 Autorinnen und Autoren, die laut Vorwort „… gemeinsam Natur und Vogelwelt in die Öffentlichkeit bringen, die Debatten darüber mit sachkundigem und lebendigem Journalismus bereichern wollen“. Die besagte GPS-/Storchenstory findet man im Kapitel Erforschen und Entdecken, welches flankiert wird von den Kapiteln Beobachten und Staunen bzw. Gefahren erkennen, sich Sorgen machen. Zum einem werden in den kurzweiligen Kapiteln die gefiederten Freunde und deren Beobachtung gefeiert, zum anderen regen sie zum Nachdenken über eigene Sichtweisen und Denkmuster an. Exemplarisch sei hierfür der Beitrag Bauernhöfe und Braunkehlchen von Christian Schwängler genannt, der über ein Zusammenwirken von Landwirtschaft und Naturschutz zum Erhalt und Schutz der Natur resümiert.

Es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit wir den Zustand unserer Umwelt hinnehmen und meist erst bemerken, dass sie ärmer und eintöniger geworden ist, wenn plötzlich etwas fehlt. Dass nach 26 Jahren, wie im Falle unserer Störche im Dorf, eine Wendung zum Positiven eintritt, ist erfreulich, aber wahrscheinlich nicht der Regelfall. Gestern Morgen habe ich den Altstorch zum letzten Mal gesehen. Ich hoffe, dass er seine große Reise heil überstehen wird, und wir auch im kommenden Frühling wieder sagen können: „Die Störche sind da!“

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J. Cheshire, O. Uberti: Die Wege der Tiere. Ihre Wanderungen an Land, zu Wasser und in der Luft – in 50 Karten, Hanser, 2017

Christian Schwägerl (Hrsg.): Die Flugbegleiter. Von einem Geiger, der Frieden stiftet, Hightech-Störchen und andere Reportagen über Vögel und Menschen, Kosmos, 2020

Dr. Kurt Floericke, Vögel auf der Reise, Kosmos, 1928

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Briefe aus der Provinz „Vom Vorteil, einen Vogel zu haben“ / 02/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

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Vom Vorteil, einen Vogel zu haben

Seit Mitte März versuche ich jeden Morgen, vor dem Sonnenaufgang – und somit vor Arbeit, Frühstück und erstem Menschenkontakt – draußen zu sein. Meine Familie hält mich zwar für verrückt, aber daran bin ich gewohnt, damit kann ich leben. Es ist eher die einzige Möglichkeit, nicht verrückt zu werden. Ich besuche dann eine kleine Wasserfläche und sehe den Vögeln dabei zu, wie sie den Tag beginnen. Noch vor Sonnenaufgang trompeten die Kraniche, die Graugänse erheben sich schwingenpfeifend in die Höhe, die Rohrdommel brummt aus dem undurchdringlichen Schilf und die Rothals- und Haubentaucher stimmen in den Chor aus Streitgesprächen ein. Blesshühner höre ich zanken und die erwachten Reiher kreischen. Kurz bevor die ersten Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfläche treffen, kommen mit lautem Gekreisch die Lachmöwen, gefolgt von Kormoranen. Während der ganzen Zeit spielen Enten, Bachstelzen, Schwalben, Amseln, Meisen und Rohrammern ihre Melodien, wie die zweite Reihe eines Orchesters. Was für ein Konzert! Was für ein Leben! Doch nicht nur an diesem Platz und zu dieser Zeit beobachte ich Vögel. Simon Barnes beschrieb dies einmal so: „Wenn ich einen Vogel sehe, gucke ich immer hin, egal wo ich bin. Das ist keine bewusste Handlung mehr. Ich kann mitten in einer Unterhaltung von enormer Wichtigkeit sein, zum Beispiel über die »Entwicklung unseres Ehelebens«, aber meine Augen huschen bei der Andeutung einer Bewegung da draußen zum Fenster, und ich fange im Augenblick gerade noch etwas ein und registriere: »Verdammt noch mal, Sperber!« Ich bringe es dann fertig, das Gedachte laut auszusprechen – nicht immer eine kluge Entscheidung.“. Zu finden ist dieses Zitat im Buch Vögel. Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen von Malcolm Tait und Olive Tayler, in der Übersetzung von Arnulf Conradi. Hier findet der Leser eine äußerst kurzweilige und amüsante Zusammenstellung von Zitaten, Geschichten und Anekdoten rund um das Thema Vögel. Mich hat meine Frau am Frühstückstisch einmal gefragt, woran ich gerade denke, und ich habe wahrheitsgemäß geantwortet, dass ich, wenn wir unsere Plätze am Tisch tauschen würden, bei den Mahlzeiten besser die Vögel im Garten beobachten könnte. Wie zu erwarten war, kam dieser Vorschlag nur mäßig gut an.

Doch zurück zum Thema Vogelbeobachtung in schwierigen Zeiten. Eines meiner Lieblingsbücher dazu ist Birding Babylon. Tagebuch eines Soldaten im Irak von Jonathan Trouern-Trend. Dieses kleine Büchlein wurde erstmals 2006 in Deutschland im Berliner Taschenbuch-Verlag herausgegeben. Der Autor wurde 2004 als Soldat einer US-Sanitätseinheit für ein Jahr in den Irak abkommandiert und führte ab diesem Zeitpunkt ein Internet-Tagebuch über seine Naturbeobachtungen in dem für ihn fremden Land. Wenn es sein Dienst zulässt, beobachtet Trouern-Trend Vögel und schreibt seine Erlebnisse, soweit möglich, in kurzem und prägnantem Stil nieder. Das Beobachten von Vögeln ist hierbei deutlich mehr als pures Freizeitvergnügen. Es ist, wie im Vorwort von Marcel Beyer treffend beschrieben, „Ein Schutzmechanismus. Trouern-Trend lenkt sich von der bestehenden Lebensgefahr ab, er lässt uns an seinen Übungen im Aufrechterhalten geistiger Gesundheit teilhaben, blendet den Krieg, soweit es eben möglich ist, aus.“. Außerdem fungiert seine Leidenschaft als Brücke zwischen den Einheimischen und ihm. Sie ist ein Bindemittel zwischen den Welten und Kulturen, etwa, wenn irakische Kinder ihm erzählen, dass der Weißstorch lak-lak genannt wird und auch in ihrem Land die Kinder bringt. Im Hörspiel zum Buch fallen die Sätze „Stay busy! Stay Cool!“ – „Such Dir Beschäftigung! Bleibe ruhig!“. Beobachten ist Beschäftigung, und es bedeutet, offen zu sein, zu reflektieren und die Welt wahrzunehmen. Vogelbeobachtung kann ein Anker sein, um nicht vom Wahnsinn und der Unfassbarkeit der Ereignisse fortgespült zu werden.

Egal, ob man sich der Vogelbeobachtung hingibt oder diese als schrulliges Hobby abtut, es ist nicht zu leugnen, dass Vögel eine ungeheure Faszination auf uns ausüben. Menschen, die sich dieser Passion ganz und gar verschrieben hatten, waren Magdalena und Oskar Heinroth. Vielleicht kennt der eine oder andere das zwischen 1924 und 1933 in vier Bänden erschienene Werk Die Vögel Mitteleuropas. In allen Lebens- und Entwicklungsstufen photographisch aufgenommen und in ihrem Seelenleben bei der Aufzucht vom Ei ab beobachtet. Wenn man die Bände einmal in der Hand gehalten hat, kann man sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, wieviel Arbeit, Zeit und Hingabe für diese Bücher nötig waren. Auf 511 ganzseitigen Tafeln sind Fotografien von tatsächlich allen Entwicklungsstadien der jeweiligen Art enthalten– vom Ei bis zum voll entwickelten Vogel. Die Heinroths zogen für dieses Langzeitprojekt in ihrer Berliner Wohnung 1.000 Individuen von 286 Arten auf, beschrieben deren Verhaltensweisen und dokumentierten die Entwicklung ihrer Zöglinge mit Hilfe der Fotografie. Gerade ist bei Knesebeck Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung von Karl Schulze-Hagen und Gabriele Kaiser erschienen. Im ersten Teil des Buches werden die menschlichen Protagonisten und ihre Arbeit beschrieben. Im zweiten dagegen sind Bilder und Textpassagen aus den erwähnten Bänden Die Vögel Mitteleuropas wiedergegeben. Das Buch erschien im März dieses Jahres, und obwohl es eine fast 100 Jahre alte Geschichte erzählt, ist es aktueller denn je. Arten, die für die Heinroths noch alltäglich waren, sind heute nicht mehr zu finden oder im dramatischen Niedergang begriffen. Wie heißt es im Epilog: „Wir betreiben Raubbau, und dadurch verändern wir selbst das Klima und die biologische Vielfalt – Ökosysteme, Arten, Individuenzahlen werden in Mitleidenschaft gezogen. Diese Auswirkungen treffen auch die Menschheit selbst.“

Oskar Heinroth porträtierte seine Vögel mit einer Plattenkamera auf über 15.000 Glasplatten, von denen ein Teil die Wirren der kommenden Jahre überstand. Für das Buch Die Vogel-WG wurden diese Platten von Klaus Nigge restauriert. Nun präsentieren sie sich wieder in ihrer ganzen Herrlichkeit. Einige dieser Bilder sind auch in der GEO-Ausgabe 04/2020 zu sehen.

So, laut Vorgabe stehen mir noch ungefähr 300 Wörter zur Verfügung. Wenn Vogelbeobachtung und skurrile Hobbys vor Wahnsinn schützen, dann definitiv auch Humor. Ich habe etwas gebraucht, um einen Dreh zu finden, FUP von Jim Dodge in die Briefe zu schmuggeln, aber jetzt könnte es klappen. FUP ist eine liebesfilmsüchtige Stockente, die zusammen mit dem ruhigen und Zäune bauenden Waisen Tiny und dessen Großvater Jake auf einer Ranch in der Nähe des Pazifiks lebt. Eigentlich steht weniger FUP im Mittelpunkt des Buches als vielmehr Granddaddy Jake, den die meisten Menschen seiner Gemeinde für ein bisschen verrückt halten. „Zum Glück war es die Art von Gemeinde, die im amerikanischen Leben fast verlorengegangen ist, eine, in der die Nachbarn respektvoll und freundlich sind, eine, in der man sich – solange einer nur schwierig und nicht gefährlich ist – um seinen eigenen Kram schert.“ Vielleicht merkt man an diesem Zitat, dass das Buch von einer gehörigen Prise schwarzen Humors durchzogen ist. Es handelt vom Meistern der Widrigkeiten der Welt, von Verantwortung und von Freundschaft. Der San Francisco Chronicle bezeichnete es als: „Ein Diamant in der Jauchegrube des Lebens“. Was bleibt mir da noch zu sagen? Herrliches Buch!

Als Resümee des heutigen Briefes lässt sich folgendes zusammenfassen: „Stay busy! Stay cool!“ und behandle Deine Mitmenschen respektvoll, egal ob sie einen Vogel haben oder nicht.

Alles Gute, Du bist, was Du liest!

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Jonathan Trouern-Trend, Birding Babylon. Tagebuch eines Soldaten im Irak, BvT, 2009

Malcolm Tait, Olive Tayler, Vögel. Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen, Unionsverlag, 2014

Karl Schulze-Hagen, Gabriele Kaiser, Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung, Knesebeck, 2020

Jim Dodge, FUP, Rogner & Bernhard, Zweitausendeins, 2002

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Briefe aus der Provinz „Anleitungen zur Aufmerksamkeit “ / 01/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Anleitungen zur Aufmerksamkeit

Statt Schnee und Eis erlebten wir gerade den wärmsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in unseren Breiten. Einzig und allein die Kürze der Tage stimmte noch mit meinen Kindheitserinnerungen an diese Jahreszeit überein. Trotz der Plusgrade draußen musste ich heizen. Bisher hatte ich Feuerholz gefällt, gesägt, gespalten, herangeschleppt, gehackt und gestapelt, aber noch nie daran gedacht, dass ich mehrere Dekaden Sonne, Wind und Geschichte verfeuere. Anders dagegen Aldo Leopold in seinem bei Naturkunden erschienenen Buch Ein Jahr im Sand County. In der Februar-Episode führt er mittels der Jahresringe eines Eichenscheites durch das 80jährige Leben des Baumes. So wie die Säge die Jahresringe offenlegt, so legt er dessen Geschichte frei und erzählt von den Ereignissen des Landes, die den Baum unweigerlich formten. In diesem, dem ersten Teil des Buches, beschreibt er exemplarisch den Jahreszyklus auf seiner Farm am Wisconsin River in Sand County mittels monatlicher Naturbeobachtungen. Im zweiten Teil Skizzen von dort und hier zeigt er Probleme des Naturschutzes auf, um im dritten Teil Das Ende vom Lied Ideen zu erörtern, welche zur Lösung der aufgezeigten Probleme beitragen können. Wenn Platz dafür wäre, würde ich den gesamten Text des von Leopold 1948 verfassten Vorwortes an dieser Stelle zitieren. Schon die ersten zwei Sätze beschreiben treffend die Grundhaltung des Buches: „Manche können ohne wilde Dinge leben und manche können es nicht. Diese Essays sind die Freuden und Verzweiflungen von einem, der es nicht kann.“ 1948 stellt er die Frage, „… ob ein noch höherer „Lebensstandard“ den Preis der natürlichen, wilden, freien Dinge wert ist.“ Und ich frage mich 72 Jahre später, warum sich darüber scheinbar nicht mehr Menschen Gedanken machen und dementsprechend handeln. Das Buch enthält vordergründig keine lieblichen Naturbeschreibungen, es ist kein Ratgeber für den richtigen Umgang mit ihr. Es ist eine Sammlung von Schriften und Essays eines der Pioniere des Naturschutzes, der ohne die Herausgabe dieses Buches wohl gänzlich im deutschsprachigen Raum dem Vergessen anheimgefallen wäre. Es regt zum Hinterfragen des eigenen Verhaltens an, der eigenen Verantwortung gegenüber der Natur. Jürgen Brôcan fasst dies im Nachwort treffend zusammen: „Naturschutz ist eine Haltung, die ethisches Handeln und Denken ebenso erfordert wie stiftet.“ Ein Buch aktueller denn je und nicht zuletzt ein Impuls für die Auseinandersetzung mit dem Thema Ethik in der Naturfotografie.

Ebenfalls quasi an den Kamin gefesselt hat mich auch John Lewis-Stempels Mein Jahr als Jäger und Sammler. Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben. Nach Ein Stück Land ist es das zweite in Deutschland erschienene Buch des Briten. Er berichtet von seinem Versuch, sich ein Jahr lang von dem zu ernähren, was er auf seiner 16 Hektar großen Farm sammelt, fischt und jagt. Und es gibt wirklich nichts, was nicht verwertet wird. Dies ist auch nötig, denn besonders in den Wintermonaten ist der Tisch in der Natur doch sehr spärlich gedeckt. So sieht der Kalender seiner wilden Nahrungsmittel im Februar wie folgt aus: Tauben, Kaninchen, Grauhörnchen, Löwenzahn, Feldsalat und Brennnesseln. Fertig. Basta. Vielleicht noch ein bisschen Eingelegtes und Eingekochtes, dann ist Schluss mit den kulinarischen Freuden. Der Autor erzählt von seinem Leben, in welchem sich eigentlich alles nur um die Nahrungssuche dreht, auf witzige und erdverbundene Weise. Er berichtet ironisch, wie sein Experiment von der restlichen Familie belächelt wird, wie er zweifelt und sich motiviert, dennoch durchzuhalten. Den Reiz des Buches macht für mich aber aus, wie sich Lewis-Stempels‘ Betrachtung der Natur, des Landes verändert (und letztendlich auch die des Lesers). Wie zum Beispiel unscheinbare Pflanzen, die wir gemeinhin mit Nichtachtung strafen, neu gesehen und dadurch Teil unserer Welt werden. Man begegnet der Natur anders, und sei es nur, dass man sich nach der Lektüre des Buches vornimmt, den Frühling mit einer Suppe aus Vogelmiere und einem Brennnesselbier einzuläuten. Die entsprechenden Rezepte gibt’s im Buch gratis. Unterschreiben würde Lewis-Stempels wohl auch folgenden Satz aus Annie Dillards Pilger am Tinker Creek:

Wenn ich nicht bewusst meine Aufmerksamkeit auf das richte, was vor meinen Augen geschieht, werde ich es schlicht nicht sehen.“ Annie Dillard, Pilger am Tinker Creek

Dieses Zitat findet sich in der Einleitung von Jürgen Goldsteins Naturerscheinungen. Die Sprachlandschaften des Nature Writing; es könnte aber auch in jedem Lehrbuch für Naturfotografie stehen. Im Buch von Goldstein geht es jedoch nicht um Fotografie, sondern, wie der Name schon sagt, um Nature Writing. Laut Einleitung setzt Nature Writing „… auf die Einsicht, dass Sprache unser Denken formt und somit die Wirklichkeit, in der wir leben. Es unternimmt den Versuch, einen sensiblen Zugang zur entgleitenden Natur zu bewahren.“ Erst habe ich befürchtet, dass Buch biete eine bloße Aufzählung, Inhaltsangabe und Interpretationshilfe für die gängigsten Werke des Nature Writing, wie H.D. Thoreaus Walden, J.A. Bakers Der Wanderfalke oder der Werke von Robert Macfarlane, aber das wäre deutlich zu kurz gegriffen. Ja, wichtige Werke werden erläutert, eine geschichtliche Einordnung des Genres findet statt, aber das Buch ist weit mehr: Es verschafft Eingang in die Mannigfaltigkeit und Vielschichtigkeit dieser Literaturform und verdeutlicht dies an Beispielen. Der Hinweis des Autors an die „aufzubringende Ausdauer“ des Lesers ist gleichweg als Hinweis zu verstehen, dass man sich manchmal regelrecht durch das Buch durcharbeiten muss. Aber auch hier lohnt sich der Aufwand. Es ging mir mehrfach so, dass ich beim Lesen innehielt, um über bestimmte Sätze oder Passagen nachzudenken und sie ein zweites Mal zu lesen. Das gesamte Buch durchzieht die Aufforderung „… den scheinbar belanglosen Naturereignissen vor der eigenen Haustür Aufmerksamkeit (zu) schenken. … Die Aufmerksamkeitsschulung, das Vertraute und Naheliegende nicht zu übersehen, sondern in seiner Bemerkungswürdigkeit hervortreten zu lassen, ist das Ziel.“ Nature Writing ermöglicht es, mit der Natur in Kontakt zu treten und dabei zu sein. Ähnlich ist es ja auch mit unseren Bildern. Viele Menschen sagen, sie fotografieren, um anderen die Schönheit der Natur zu zeigen, ihnen diese dadurch näher zu bringen und damit für ihren Schutz zu werben. Dies ist definitiv besser als nichts, ersetzt aber, wie Goldstein meint, nicht, „… den unmittelbaren Eindruck, die Erfahrung der Natur vor Ort.“ Trotzdem kann das Beschreiben der Natur oder auch ein Naturfoto zeigen, dass ein Baum, eine Landschaft, ein Tier mehr ist, als der bloße Verwertungsnutzen, auf den Natur zumeist reduziert wird. Ich wünsche mir, dass dieses Buch seine Leserschaft findet, denn es könnte zum Standardwerk für Natur Writing werden.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf das neue Buch von Johann Brandstetter Über Leben. Die Wiederentdeckung der Natur aufmerksam machen. Ich mag Zeichnungen, und manchmal glaube ich, dass ich nur fotografiere, weil ich nicht zeichnen kann. Das Buch gliedert sich in drei Teile, einen Essay von Andreas Weber, den Bildteil und ein Gespräch von Brandstetter mit der Kunsthistorikerin Annette Scholl. Besonders der Illustrationsteil ist eine Hommage an die Vielfältigkeit der Natur und des Lebens. Auch hier ist die Aufmerksamkeit des Künstlers auf die Natur gerichtet, und die Werke preisen ihre ganze Einzigartigkeit und Schönheit. Doch auch Brandstetter sagt: „Ich male Verlorenes, damit es bleibt.“

In diesem Sinne: Du bist, was du liest!


Aldo Leopold „Ein Jahr im Sand County“, Naturkunden, Matthes & Seitz

John Lewis-Stempel „Mein Jahr als Jäger und Sammler. Was es wirklich heißt, von der Natur zu Leben.“, Dumont

Jürgen Goldstein „Naturerscheinungen. Die Sprachlandschaften des Nature Writing“, Matthes & Seitz

Johann Brandstetter „Über Leben. Die Wiederentdeckung der Natur“, oekom

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Briefe aus der Provinz, Vom Buchstaben E zum Brachvogel / 03/2019

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Vor mir liegen drei Bücher, die im letzten Sommer zu meinen Begleitern gehörten. Die Schwierigkeit, die sich mir gerade darstellt, liegt darin, alle drei liebgewonnenen Werke miteinander zu verbinden. Meine Frau meinte sofort, das sei doch nicht schwer, schließlich komme in jedem Buchtitel der Buchstabe E vor. Gedanklich bin ich sofort bei Monty Python im hawaiianischen Kerkerrestaurant und S wie Schopenhauer, aber tatsächlich weiter hilft mir das an dieser Stelle auch nicht.
Natur ist faszinierend! Geht man mit offenen Augen umher und hat sich eine Spur Neugier bewahrt, gibt es ständig etwas Neues zu entdecken. Da kein vernünftiger Mensch von sich behaupten kann, alles zu wissen, gibt es Bücher, die Geschichten erzählen und uns aufmerksam machen auf die großen und kleinen Wunder um uns herum. Ein Beispiel gefällig?
Hier die Geschichte vom Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling (Schmetterling), dem Großen Wiesenknopf (Wiesenpflanze) und der Roten Knotenameise (Ameise). Der Schmetterling legt auf ebenjenem Wiesenknopf, und nur dort, seine Eier ab. Die geschlüpften Raupen verbringen ihre ersten Lebenstage im Inneren der Wiesenknopfblüten. Alles eigentlich noch wenig spektakulär, doch dann seilen sich die winzigen roten Räupchen aus den Blüten ab und lassen sich auf den Wiesenboden fallen. Hier warten sie, bis sie von den Arbeiterinnen der Ameisen entdeckt werden. Treffen beide aufeinander, vermitteln die kleinen Raupen den
Ameisen mittels chemischer Botenstoffe, dass sie eigentlich Ameisennachwuchs sind. Die Ameisen haben dann nichts Besseres zu tun, als die Schmetterlingsraupen in ihren Bau zu tragen, um sie in ihrer Larvenkammer zu deponieren. Die eingeschleusten Raupen sind nun quasi im Schlaraffenland und haben bis zum nächsten Frühjahr Zeit, sich an der Ameisenbrut satt zu fressen, zu wachsen und sich zu erwachsenen Ameisenbläulingen zu entwickeln.
Klingt unglaublich? Steht aber genauso in Jan Hafts Buch Die Wiese. Lockruf in eine geheimnisvolle Welt. Wie die Raupe die Ameisen verführt, wurde ich durch diese kleine Geschichte in das Buch gezogen. Der Autor präsentiert eine äußerst gefährdete und fragile Welt voller Wunder. Wiese ist kein Grünland, bestehend aus hochgezüchtetem, an die Bedürfnisse der modernen Viehhaltung angepasstem Weidegras. Sie ist ein immer
kleiner werdender Lebensraum in Deutschland, der durch das Anlegen von Blühstreifen nicht zu kompensieren ist. Haft beschreibt die Wiese als einen Ort voller Leben und verschiedenster Pflanzen. Sie bietet unzähligen Insekten nicht nur kurzzeitige Nahrung, sondern ist Grundlage ihres Daseins. Und dabei geht es nicht nur um Insekten oder Blumen. Ohne artenreiche, nach der Brutsaison gemähte Wiesen gibt es auch keine Wiesenbrüter, wie zum Beispiel den Brachvogel oder das Braunkehlchen. Ich konnte erstmals in diesem Jahr von letztgenannter Art ein Paar bei der Brutpflege auf einer Wiese beobachten. Beim Naturgucken wird schnell klar, dass nur artenreiche Wiesen voller verschiedenster Gräser und Wiesenblumen über längere Zeiträume Insekten anziehen, die Vögeln als Nahrungsgrundlage dienen und Möglichkeiten zum Nestbau bieten. Eine Frühlingswiese voller Kleinvögel und Insekten im Abendlicht ist ein Erlebnis, von welchem ich bis tief in den Winter hinein zehren kann. Die Wiese ist ein sehr schönes und mit viel Herzblut geschriebenes Buch, welches zusammen mit dem Film Die Wiese. Ein Paradies nebenan den Blick für das Ökosystem Wiese weitet, Zusammenhänge verdeutlicht und Strategien aufzeigt, diesen Biotop zu erhalten.
Schönheit und Geist eines Kunstwerks können nachgebildet werden, auch wenn es zerstört ist; eine verschwundene Harmonie vermag den Komponisten von neuem zu inspirieren; doch wenn eine Gattung von Lebewesen dahin ist, müssen Himmel und Erde vergehen, bevor es sie wieder geben kann“ Mit diesem Zitat von C. William Beebe beginnt das Buch Der letzte Eskimobrachvogel von Fred Bodsworth. Als ich Die Wiese gelesen und den darin erwähnten, heute bei uns extrem selten gewordenen Brachvogel noch im Kopf hatte, zog es mich unweigerlich zum oben erwähnten Klassiker. Es ist ein kleines, gut 100 Seiten starkes Buch, welches nur noch antiquarisch zu erwerben ist. 1772 erstmals wissenschaftlich beschrieben, brüteten Eskimobrachvögel in der kanadischen Tundra und flogen dann in riesigen Schwärmen zum Überwintern ins ferne Argentinien. Da sie niemals eine Scheu vor Menschen entwickelten, waren sie leichte Beute und wurden auf der Rast massenhaft abgeschossen. Keine 200 Jahre brauchte dann die Krone der Schöpfung, um den Vogel mit dieser Methode auszurotten. Als Leser begleitet man einen männlichen Brachvogel auf seiner Reise in die Tundra und wartet mit ihm vergeblich auf die Ankunft eines Weibchens. Bodworth schildert den Alltag des Vogels sehr detail- und kenntnisreich und lässt den Leser so direkt am Leben eines der Letzten einer aussterbenden Art teilhaben. Flankiert wird die Erzählung von Auszügen aus historischen Beobachtungsberichten, was der Geschichte einen sehr eindringlichen, lebensnahen und erschreckenden Unterton verleiht. An ein Happy End braucht man gar nicht zu denken. Es bleiben nur Traurigkeit und Nachdenklichkeit. Und so endet das Buch konsequenter Weise mit einem Zitat aus Die Vögel der kanadischen Arktis von 1955: „Eskimobrachvogel, Numenius borealis. Vermutlich ausgestorben … Zum letztenmal gesehen bei Galveston (Texas) am 29. April 1945. Früher weit verbreitet …“.
Zum wiederholten Nachdenken hat mich ebenfalls Arnulf Conradis Buch Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung angeregt. Der Verlag kündigt das Buch mit den Worten an „Der Augenblick, in dem man den Vogel sieht, hat etwas Einmaliges und zugleich etwas Meditatives – davon erzählt Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung.“ Ja, davon erzählt das Buch schon, aber es erzählt noch von so viel mehr. Es erzählt davon, dass Vogelbeobachten „eher eine Lebensform als ein Hobby (ist), man tut es eigentlich immer, man guckt stets nach Vögeln.“ Es erzählt von Begegnungen mit Menschen und Vögeln, vom Mitfühlen und von der Verbundenheit mit anderen Wesen, von Wahrhaftigkeit. Conradi spannt in seinen Kapiteln den Bogen von Ornithologie, über Landschaftsbeschreibungen hin zum Zen-Buddhismus, Haiku und Meditation. Es geht um Einsicht, Eintauchen und Einfühlen in die Natur.
Vieles im Buch hat mich immer wieder an Naturfotografie erinnert, z.B. wenn Conradi über das Sehen schreibt: „Mit der Einsicht sieht man in das Bild hinein und nimmt zugleich das auf, was sich an Empfindungen mit ihm verbindet. Man taucht sozusagen unter die Oberfläche des rein Sichtbaren und spürt etwas von dem Leben, das sich darin verbirgt.“.
Sollte das nicht auch für Bilder gelten? Vielleicht ist es heutzutage, wo jeden Tag Millionen Bilder produziert werden, an der Zeit, wieder ein wenig mehr zu sehen und sich auf die Natur einzulassen, anstatt sie nur abzubilden. Ich bin ganz bei Conradi, wenn er schreibt, „… die Fähigkeit aber, sich in den Flug des Vogels einzufühlen, geht (über das bloße Betrachten) hinaus. Sie eröffnet nicht nur den Blick für die Natur, sie überwindet auch die Distanz zwischen Beobachter und Beobachteten und führt zu dem Gefühl von Einheit und Harmonie, welches das Wesen der Meditation ist.“ Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum zwei Naturfotografen am selben Ort, zur selben Zeit unterschiedliche Fotos machen?
Was mich als Mecklenburger natürlich besonders gefreut hat, ist das Kapitel über die Peene und dass auch in diesem Buch auf Seite 231 der Brachvogel vorkommt und sich somit der Kreis schließt.
Das Licht betonte ihre Farben, … das gebänderte Braun der Brachvögel mit ihren langen, heruntergezogenen Schnäbeln.“ Auf dass sie noch lange Teil unserer Welt sein mögen!

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Freier Tag im Bruch

Die Kraniche haben den Bruch verlassen und die ersten Singschwäne sind gekommen. Daneben ratsen zur Zeit tausende nordische Gänse auf den Wasserflächen des Anklamer Stadtbruches. Herrlicher Tag!

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Ausstellung in Zingst

Im Rahmen  Aktiver Fotoherbst Zingst 2018 werden ab dem 19.09.2018 bis Ende Februar 2019 Fotos von Markus Botzek und mir im Kunsthallenhotel Vier Jahreszeiten in Zingst gezeigt. Die Ausstellung präsentiert 30 Bilder aus unserem gemeinsamen Buch „Abenteuer Naturfotografie. Auf Fotopirsch mit Botzek und Brehe“.

Am 03.10.2018, um 11:00 Uhr werden wir beide unser Buch außerdem bei der Veranstaltung Tag des Fotobuches im Max Hünten Haus in Zingst vorstellen.