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Briefe aus der Provinz „Vom Vorteil, einen Vogel zu haben“ / 02/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Vom Vorteil, einen Vogel zu haben

Seit Mitte März versuche ich jeden Morgen, vor dem Sonnenaufgang – und somit vor Arbeit, Frühstück und erstem Menschenkontakt – draußen zu sein. Meine Familie hält mich zwar für verrückt, aber daran bin ich gewohnt, damit kann ich leben. Es ist eher die einzige Möglichkeit, nicht verrückt zu werden. Ich besuche dann eine kleine Wasserfläche und sehe den Vögeln dabei zu, wie sie den Tag beginnen. Noch vor Sonnenaufgang trompeten die Kraniche, die Graugänse erheben sich schwingenpfeifend in die Höhe, die Rohrdommel brummt aus dem undurchdringlichen Schilf und die Rothals- und Haubentaucher stimmen in den Chor aus Streitgesprächen ein. Blesshühner höre ich zanken und die erwachten Reiher kreischen. Kurz bevor die ersten Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfläche treffen, kommen mit lautem Gekreisch die Lachmöwen, gefolgt von Kormoranen. Während der ganzen Zeit spielen Enten, Bachstelzen, Schwalben, Amseln, Meisen und Rohrammern ihre Melodien, wie die zweite Reihe eines Orchesters. Was für ein Konzert! Was für ein Leben! Doch nicht nur an diesem Platz und zu dieser Zeit beobachte ich Vögel. Simon Barnes beschrieb dies einmal so: „Wenn ich einen Vogel sehe, gucke ich immer hin, egal wo ich bin. Das ist keine bewusste Handlung mehr. Ich kann mitten in einer Unterhaltung von enormer Wichtigkeit sein, zum Beispiel über die »Entwicklung unseres Ehelebens«, aber meine Augen huschen bei der Andeutung einer Bewegung da draußen zum Fenster, und ich fange im Augenblick gerade noch etwas ein und registriere: »Verdammt noch mal, Sperber!« Ich bringe es dann fertig, das Gedachte laut auszusprechen – nicht immer eine kluge Entscheidung.“. Zu finden ist dieses Zitat im Buch Vögel. Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen von Malcolm Tait und Olive Tayler, in der Übersetzung von Arnulf Conradi. Hier findet der Leser eine äußerst kurzweilige und amüsante Zusammenstellung von Zitaten, Geschichten und Anekdoten rund um das Thema Vögel. Mich hat meine Frau am Frühstückstisch einmal gefragt, woran ich gerade denke, und ich habe wahrheitsgemäß geantwortet, dass ich, wenn wir unsere Plätze am Tisch tauschen würden, bei den Mahlzeiten besser die Vögel im Garten beobachten könnte. Wie zu erwarten war, kam dieser Vorschlag nur mäßig gut an.

Doch zurück zum Thema Vogelbeobachtung in schwierigen Zeiten. Eines meiner Lieblingsbücher dazu ist Birding Babylon. Tagebuch eines Soldaten im Irak von Jonathan Trouern-Trend. Dieses kleine Büchlein wurde erstmals 2006 in Deutschland im Berliner Taschenbuch-Verlag herausgegeben. Der Autor wurde 2004 als Soldat einer US-Sanitätseinheit für ein Jahr in den Irak abkommandiert und führte ab diesem Zeitpunkt ein Internet-Tagebuch über seine Naturbeobachtungen in dem für ihn fremden Land. Wenn es sein Dienst zulässt, beobachtet Trouern-Trend Vögel und schreibt seine Erlebnisse, soweit möglich, in kurzem und prägnantem Stil nieder. Das Beobachten von Vögeln ist hierbei deutlich mehr als pures Freizeitvergnügen. Es ist, wie im Vorwort von Marcel Beyer treffend beschrieben, „Ein Schutzmechanismus. Trouern-Trend lenkt sich von der bestehenden Lebensgefahr ab, er lässt uns an seinen Übungen im Aufrechterhalten geistiger Gesundheit teilhaben, blendet den Krieg, soweit es eben möglich ist, aus.“. Außerdem fungiert seine Leidenschaft als Brücke zwischen den Einheimischen und ihm. Sie ist ein Bindemittel zwischen den Welten und Kulturen, etwa, wenn irakische Kinder ihm erzählen, dass der Weißstorch lak-lak genannt wird und auch in ihrem Land die Kinder bringt. Im Hörspiel zum Buch fallen die Sätze „Stay busy! Stay Cool!“ – „Such Dir Beschäftigung! Bleibe ruhig!“. Beobachten ist Beschäftigung, und es bedeutet, offen zu sein, zu reflektieren und die Welt wahrzunehmen. Vogelbeobachtung kann ein Anker sein, um nicht vom Wahnsinn und der Unfassbarkeit der Ereignisse fortgespült zu werden.

Egal, ob man sich der Vogelbeobachtung hingibt oder diese als schrulliges Hobby abtut, es ist nicht zu leugnen, dass Vögel eine ungeheure Faszination auf uns ausüben. Menschen, die sich dieser Passion ganz und gar verschrieben hatten, waren Magdalena und Oskar Heinroth. Vielleicht kennt der eine oder andere das zwischen 1924 und 1933 in vier Bänden erschienene Werk Die Vögel Mitteleuropas. In allen Lebens- und Entwicklungsstufen photographisch aufgenommen und in ihrem Seelenleben bei der Aufzucht vom Ei ab beobachtet. Wenn man die Bände einmal in der Hand gehalten hat, kann man sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, wieviel Arbeit, Zeit und Hingabe für diese Bücher nötig waren. Auf 511 ganzseitigen Tafeln sind Fotografien von tatsächlich allen Entwicklungsstadien der jeweiligen Art enthalten– vom Ei bis zum voll entwickelten Vogel. Die Heinroths zogen für dieses Langzeitprojekt in ihrer Berliner Wohnung 1.000 Individuen von 286 Arten auf, beschrieben deren Verhaltensweisen und dokumentierten die Entwicklung ihrer Zöglinge mit Hilfe der Fotografie. Gerade ist bei Knesebeck Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung von Karl Schulze-Hagen und Gabriele Kaiser erschienen. Im ersten Teil des Buches werden die menschlichen Protagonisten und ihre Arbeit beschrieben. Im zweiten dagegen sind Bilder und Textpassagen aus den erwähnten Bänden Die Vögel Mitteleuropas wiedergegeben. Das Buch erschien im März dieses Jahres, und obwohl es eine fast 100 Jahre alte Geschichte erzählt, ist es aktueller denn je. Arten, die für die Heinroths noch alltäglich waren, sind heute nicht mehr zu finden oder im dramatischen Niedergang begriffen. Wie heißt es im Epilog: „Wir betreiben Raubbau, und dadurch verändern wir selbst das Klima und die biologische Vielfalt – Ökosysteme, Arten, Individuenzahlen werden in Mitleidenschaft gezogen. Diese Auswirkungen treffen auch die Menschheit selbst.“

Oskar Heinroth porträtierte seine Vögel mit einer Plattenkamera auf über 15.000 Glasplatten, von denen ein Teil die Wirren der kommenden Jahre überstand. Für das Buch Die Vogel-WG wurden diese Platten von Klaus Nigge restauriert. Nun präsentieren sie sich wieder in ihrer ganzen Herrlichkeit. Einige dieser Bilder sind auch in der GEO-Ausgabe 04/2020 zu sehen.

So, laut Vorgabe stehen mir noch ungefähr 300 Wörter zur Verfügung. Wenn Vogelbeobachtung und skurrile Hobbys vor Wahnsinn schützen, dann definitiv auch Humor. Ich habe etwas gebraucht, um einen Dreh zu finden, FUP von Jim Dodge in die Briefe zu schmuggeln, aber jetzt könnte es klappen. FUP ist eine liebesfilmsüchtige Stockente, die zusammen mit dem ruhigen und Zäune bauenden Waisen Tiny und dessen Großvater Jake auf einer Ranch in der Nähe des Pazifiks lebt. Eigentlich steht weniger FUP im Mittelpunkt des Buches als vielmehr Granddaddy Jake, den die meisten Menschen seiner Gemeinde für ein bisschen verrückt halten. „Zum Glück war es die Art von Gemeinde, die im amerikanischen Leben fast verlorengegangen ist, eine, in der die Nachbarn respektvoll und freundlich sind, eine, in der man sich – solange einer nur schwierig und nicht gefährlich ist – um seinen eigenen Kram schert.“ Vielleicht merkt man an diesem Zitat, dass das Buch von einer gehörigen Prise schwarzen Humors durchzogen ist. Es handelt vom Meistern der Widrigkeiten der Welt, von Verantwortung und von Freundschaft. Der San Francisco Chronicle bezeichnete es als: „Ein Diamant in der Jauchegrube des Lebens“. Was bleibt mir da noch zu sagen? Herrliches Buch!

Als Resümee des heutigen Briefes lässt sich folgendes zusammenfassen: „Stay busy! Stay cool!“ und behandle Deine Mitmenschen respektvoll, egal ob sie einen Vogel haben oder nicht.

Alles Gute, Du bist, was Du liest!

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Jonathan Trouern-Trend, Birding Babylon. Tagebuch eines Soldaten im Irak, BvT, 2009

Malcolm Tait, Olive Tayler, Vögel. Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen, Unionsverlag, 2014

Karl Schulze-Hagen, Gabriele Kaiser, Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung, Knesebeck, 2020

Jim Dodge, FUP, Rogner & Bernhard, Zweitausendeins, 2002

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Briefe aus der Provinz „Anleitungen zur Aufmerksamkeit “ / 01/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

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Anleitungen zur Aufmerksamkeit

Statt Schnee und Eis erlebten wir gerade den wärmsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in unseren Breiten. Einzig und allein die Kürze der Tage stimmte noch mit meinen Kindheitserinnerungen an diese Jahreszeit überein. Trotz der Plusgrade draußen musste ich heizen. Bisher hatte ich Feuerholz gefällt, gesägt, gespalten, herangeschleppt, gehackt und gestapelt, aber noch nie daran gedacht, dass ich mehrere Dekaden Sonne, Wind und Geschichte verfeuere. Anders dagegen Aldo Leopold in seinem bei Naturkunden erschienenen Buch Ein Jahr im Sand County. In der Februar-Episode führt er mittels der Jahresringe eines Eichenscheites durch das 80jährige Leben des Baumes. So wie die Säge die Jahresringe offenlegt, so legt er dessen Geschichte frei und erzählt von den Ereignissen des Landes, die den Baum unweigerlich formten. In diesem, dem ersten Teil des Buches, beschreibt er exemplarisch den Jahreszyklus auf seiner Farm am Wisconsin River in Sand County mittels monatlicher Naturbeobachtungen. Im zweiten Teil Skizzen von dort und hier zeigt er Probleme des Naturschutzes auf, um im dritten Teil Das Ende vom Lied Ideen zu erörtern, welche zur Lösung der aufgezeigten Probleme beitragen können. Wenn Platz dafür wäre, würde ich den gesamten Text des von Leopold 1948 verfassten Vorwortes an dieser Stelle zitieren. Schon die ersten zwei Sätze beschreiben treffend die Grundhaltung des Buches: „Manche können ohne wilde Dinge leben und manche können es nicht. Diese Essays sind die Freuden und Verzweiflungen von einem, der es nicht kann.“ 1948 stellt er die Frage, „… ob ein noch höherer „Lebensstandard“ den Preis der natürlichen, wilden, freien Dinge wert ist.“ Und ich frage mich 72 Jahre später, warum sich darüber scheinbar nicht mehr Menschen Gedanken machen und dementsprechend handeln. Das Buch enthält vordergründig keine lieblichen Naturbeschreibungen, es ist kein Ratgeber für den richtigen Umgang mit ihr. Es ist eine Sammlung von Schriften und Essays eines der Pioniere des Naturschutzes, der ohne die Herausgabe dieses Buches wohl gänzlich im deutschsprachigen Raum dem Vergessen anheimgefallen wäre. Es regt zum Hinterfragen des eigenen Verhaltens an, der eigenen Verantwortung gegenüber der Natur. Jürgen Brôcan fasst dies im Nachwort treffend zusammen: „Naturschutz ist eine Haltung, die ethisches Handeln und Denken ebenso erfordert wie stiftet.“ Ein Buch aktueller denn je und nicht zuletzt ein Impuls für die Auseinandersetzung mit dem Thema Ethik in der Naturfotografie.

Ebenfalls quasi an den Kamin gefesselt hat mich auch John Lewis-Stempels Mein Jahr als Jäger und Sammler. Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben. Nach Ein Stück Land ist es das zweite in Deutschland erschienene Buch des Briten. Er berichtet von seinem Versuch, sich ein Jahr lang von dem zu ernähren, was er auf seiner 16 Hektar großen Farm sammelt, fischt und jagt. Und es gibt wirklich nichts, was nicht verwertet wird. Dies ist auch nötig, denn besonders in den Wintermonaten ist der Tisch in der Natur doch sehr spärlich gedeckt. So sieht der Kalender seiner wilden Nahrungsmittel im Februar wie folgt aus: Tauben, Kaninchen, Grauhörnchen, Löwenzahn, Feldsalat und Brennnesseln. Fertig. Basta. Vielleicht noch ein bisschen Eingelegtes und Eingekochtes, dann ist Schluss mit den kulinarischen Freuden. Der Autor erzählt von seinem Leben, in welchem sich eigentlich alles nur um die Nahrungssuche dreht, auf witzige und erdverbundene Weise. Er berichtet ironisch, wie sein Experiment von der restlichen Familie belächelt wird, wie er zweifelt und sich motiviert, dennoch durchzuhalten. Den Reiz des Buches macht für mich aber aus, wie sich Lewis-Stempels‘ Betrachtung der Natur, des Landes verändert (und letztendlich auch die des Lesers). Wie zum Beispiel unscheinbare Pflanzen, die wir gemeinhin mit Nichtachtung strafen, neu gesehen und dadurch Teil unserer Welt werden. Man begegnet der Natur anders, und sei es nur, dass man sich nach der Lektüre des Buches vornimmt, den Frühling mit einer Suppe aus Vogelmiere und einem Brennnesselbier einzuläuten. Die entsprechenden Rezepte gibt’s im Buch gratis. Unterschreiben würde Lewis-Stempels wohl auch folgenden Satz aus Annie Dillards Pilger am Tinker Creek:

Wenn ich nicht bewusst meine Aufmerksamkeit auf das richte, was vor meinen Augen geschieht, werde ich es schlicht nicht sehen.“ Annie Dillard, Pilger am Tinker Creek

Dieses Zitat findet sich in der Einleitung von Jürgen Goldsteins Naturerscheinungen. Die Sprachlandschaften des Nature Writing; es könnte aber auch in jedem Lehrbuch für Naturfotografie stehen. Im Buch von Goldstein geht es jedoch nicht um Fotografie, sondern, wie der Name schon sagt, um Nature Writing. Laut Einleitung setzt Nature Writing „… auf die Einsicht, dass Sprache unser Denken formt und somit die Wirklichkeit, in der wir leben. Es unternimmt den Versuch, einen sensiblen Zugang zur entgleitenden Natur zu bewahren.“ Erst habe ich befürchtet, dass Buch biete eine bloße Aufzählung, Inhaltsangabe und Interpretationshilfe für die gängigsten Werke des Nature Writing, wie H.D. Thoreaus Walden, J.A. Bakers Der Wanderfalke oder der Werke von Robert Macfarlane, aber das wäre deutlich zu kurz gegriffen. Ja, wichtige Werke werden erläutert, eine geschichtliche Einordnung des Genres findet statt, aber das Buch ist weit mehr: Es verschafft Eingang in die Mannigfaltigkeit und Vielschichtigkeit dieser Literaturform und verdeutlicht dies an Beispielen. Der Hinweis des Autors an die „aufzubringende Ausdauer“ des Lesers ist gleichweg als Hinweis zu verstehen, dass man sich manchmal regelrecht durch das Buch durcharbeiten muss. Aber auch hier lohnt sich der Aufwand. Es ging mir mehrfach so, dass ich beim Lesen innehielt, um über bestimmte Sätze oder Passagen nachzudenken und sie ein zweites Mal zu lesen. Das gesamte Buch durchzieht die Aufforderung „… den scheinbar belanglosen Naturereignissen vor der eigenen Haustür Aufmerksamkeit (zu) schenken. … Die Aufmerksamkeitsschulung, das Vertraute und Naheliegende nicht zu übersehen, sondern in seiner Bemerkungswürdigkeit hervortreten zu lassen, ist das Ziel.“ Nature Writing ermöglicht es, mit der Natur in Kontakt zu treten und dabei zu sein. Ähnlich ist es ja auch mit unseren Bildern. Viele Menschen sagen, sie fotografieren, um anderen die Schönheit der Natur zu zeigen, ihnen diese dadurch näher zu bringen und damit für ihren Schutz zu werben. Dies ist definitiv besser als nichts, ersetzt aber, wie Goldstein meint, nicht, „… den unmittelbaren Eindruck, die Erfahrung der Natur vor Ort.“ Trotzdem kann das Beschreiben der Natur oder auch ein Naturfoto zeigen, dass ein Baum, eine Landschaft, ein Tier mehr ist, als der bloße Verwertungsnutzen, auf den Natur zumeist reduziert wird. Ich wünsche mir, dass dieses Buch seine Leserschaft findet, denn es könnte zum Standardwerk für Natur Writing werden.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf das neue Buch von Johann Brandstetter Über Leben. Die Wiederentdeckung der Natur aufmerksam machen. Ich mag Zeichnungen, und manchmal glaube ich, dass ich nur fotografiere, weil ich nicht zeichnen kann. Das Buch gliedert sich in drei Teile, einen Essay von Andreas Weber, den Bildteil und ein Gespräch von Brandstetter mit der Kunsthistorikerin Annette Scholl. Besonders der Illustrationsteil ist eine Hommage an die Vielfältigkeit der Natur und des Lebens. Auch hier ist die Aufmerksamkeit des Künstlers auf die Natur gerichtet, und die Werke preisen ihre ganze Einzigartigkeit und Schönheit. Doch auch Brandstetter sagt: „Ich male Verlorenes, damit es bleibt.“

In diesem Sinne: Du bist, was du liest!


Aldo Leopold „Ein Jahr im Sand County“, Naturkunden, Matthes & Seitz

John Lewis-Stempel „Mein Jahr als Jäger und Sammler. Was es wirklich heißt, von der Natur zu Leben.“, Dumont

Jürgen Goldstein „Naturerscheinungen. Die Sprachlandschaften des Nature Writing“, Matthes & Seitz

Johann Brandstetter „Über Leben. Die Wiederentdeckung der Natur“, oekom

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Briefe aus der Provinz „Eine Perlenspur aus Luftblasen“ / 04/2019

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Hat jemand schon einmal versucht, freilebende Fischotter zu fotografieren? Mir kam diese glorreiche Idee im Herbst 2017. Warum? Was weiß ich, du wachst aus dem Mittagsschläfchen auf und peng manifestiert sich der Gedanke: Fotografiere ich im nächsten Jahr doch mal Fischotter. Wahrscheinlich habe ich aber als Kind nur zu oft den Film Tarka der Otter gesehen. Jener Film basiert auf einer 1927 erschienenen Novelle von Henry Williamson und trägt den Untertitel Sein lustiges Leben im Wasser und sein Tod im Lande der Zwei Flüsse. Williamson beschreibt das Leben des Otterrüden Tarka in der Landschaft von North Devon, England. Er selbst
verfasst im Nachwort, „Nur die Landschaft von Devon war wichtig: mit ihren Flüssen, Bäumen, Tieren und Menschen sollte sie in meinem Buch ein wirklichkeitsgetreues Abbild finden.“. Er nimmt den Leser mit in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Otter noch mit Jagdgesellschaften und großen Hundemeuten gejagt
wurden. Es gelingt ihm, mit großer Liebe zum Detail und grandios schönen Naturschilderungen dem Otter und der Landschaft ein literarisches Denkmal zu setzen. Noch heute kann man einem Tarka-Trail folgen und das Land der zwei Flüsse erkunden.

Quasi mit Tarka als Patron, vereinzelten Otterbegegnungen und einer Menge Nichtwissen war ich frohen Mutes und voller Tatendrang in Bezug auf mein Vorhaben. Das Projekt „Fischotter 2018“ hörte sich erstmal, wie ich fand, ziemlich cool an. Jedoch fragte ich mich im Laufe des Jahres immer ernsthafter, was für eine Schnapsidee ich da hatte? Die Wassermarder sind alles, nur nicht wirklich kooperativ.
Das Resultat der ersten zwölf Monate: Ich lernte anhand ihrer Spuren, wo es Otter gab und wo sie entlangstreiften. Ich lief in meiner freien Zeit Gräben ab, fand Otterwechsel, freute mich über jeden Haufen Otterscheiße und verbrachte Stunden in unbequemen Verstecken. Aber zu Gesicht bekam ich maximal Biber, Waschbären oder Bisamratten. Otter sah ich extrem selten, geschweige denn gelang es mir, Fotos zu machen.
Ich habe aber auch festgestellt, dass man bei Minusgraden nach spätestens drei Stunden im Tarnversteck kalte Füße bekommt, egal wie viele Socken man anhat, und dass frische Otterspuren kein Garant für Otterbilder sind. Es ist eher so wie Robert Macfarlane in seinem bei Naturkunden erschienenen Buch Die verlorenen Wörter im Gedicht Otter schreibt:
Tauchend wandelt er Gestalt, schier
atemberaubend – doch siehst du nur ein
Schattenflackern, einen Strudelstrang
und niemals (beinahe niemals) wirklich Otter
.“
Wie treffend! Bis auf wenige Sichtungen, die mir zeigten, dass ich mich nicht im otterfreien Raum bewegte: nichts. Da waren beispielsweise im Frühjahr ausgelutschte blaue Moorfroschhäute am Gewässerrand schwimmend oder im Winter deutliche Trittsiegel auf schneebedecktem Eis. Nur kein wahrhaftiger Otter! War ich da, waren die Objekte meiner Begierde schon weg. Einmal begegnete ich in einem Otterrevier einem wildfremden Wanderer, der mir prompt und voller Freude erzählte, er habe „vor 20 Minuten da hinten irgendwo“ drei Otter über das Eis laufen und im Schnee tobend gesehen. Ob ich mir vorstellen könne, wie schön das gewesen sei? Unfähig zu sprechen, konnte ich nur noch schluchzen, nicken und mich von dannen trollen.
Bekam ich jedoch mal einen Wassermarder zu Gesicht, wurde ich sofort in seinen Bann gezogen. Es gibt wohl wenig Faszinierenderes als einen Otter im Wasser. Zum Jahresende fand ich in Jan Wagners Gedichtsammlung Regentonnenvariationen die perfekte Beschreibung eines Otters, die mich ins neue Jahr
trug.
… ist im wasser
beweglicher als wasser, steigt als welle
an irgendeinem ufer an land
,“
Im Januar dieses Jahres hatten wir ein paar Tage Schnee, und ich machte mich auf die Jagd nach einem Bild vom Otter inmitten weißer Pracht. Da die Winter in Mecklenburg-Vorpommern heutzutage meist nur episodischen Charakter haben, blieb wenig Zeit sich für ein Wo und Wann zu entscheiden. Also alles auf eine Karte gesetzt, bevor sich der Schnee in Matsch verwandelt. Doch ich bin irgendwie immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Mehr als Spuren im Schnee bekam ich nicht zu Gesicht. Im April dann ein Showdown im
Anklamer Stadtbruch: Ich stehe auf dem alten ahndamm, ein Otter passiert diesen, er schaut mich an, ich starre ihn an, wir beide sind für den Bruchteil einer Sekunde wie versteinert, und ehe ich die Kamera auf ihn gerichtet habe, ist er auch schon wieder im Wasser. So kann es nicht weitergehen! Etwa zum Zeitpunkt der oben beschriebenen Begegnung bekomme ich das 2018 erschienene Buch Der Fischotter. Ein heimlicher Jäger kehrt zurück aus dem Haupt-Verlag in die Hände. Auf 256 Seiten präsentieren die Autoren Irene Weinberger und Hansjakob Baumgartner den aktuellen Erkenntnisstand zum Thema Fischotter. Herkunft, Verwandtschaft, Sozial- und Revierverhalten, Futtersuche, Markierungen, Aufzucht, Lebensräume,
Ausbreitung sowie das Verhältnis Otter-Mensch bzw. Otter-Teichwirt – es gibt kaum ein Thema, welches die Autoren nicht behandeln und mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen untermauern. Illustriert ist das Buch mit unzähligen schönen Fotos, u.a. von Laurie Campbell, der 2017 einen Ottervortrag in Lünen hielt. Ich lese, staune und lerne. So zum Beispiel, dass junge Otter einen starken Auftrieb im Wasser haben und sie daher scheinbar deutlich höher liegen als Alttiere. Ich lese aber auch „Fischotter leben überaus heimlich und
sind … tagsüber unsichtbar
.“ (S. 96). Egal, je mehr ich über diese Tiere erfahre, desto begeisterter bin ich. Das Ziel heißt weiterhin, Otter zu beobachten und möglicherweise zu fotografieren.

Ausgerüstet mit neuem Wissen und den Erfahrungen der vergangenen Jahre, beginne ich erstmals, meine Taktik zu ändern und konzentriere mich auf einige wenige Gebiete. Im oben beschriebenen Buch fand ich folgende Sätze „Tiere bewegen sich nicht zufällig durch die Landschaft. In der Regel hat jedes ein bestimmtes Streifgebiet.“ (S.102). Ich kenne Otterreviere und weiß, wo die Tiere gelegentlich umherstreifen. Mathematisch gesehen, müsste sich die Wahrscheinlichkeit einer Otterbegegnung erhöhen, wenn ich nicht ziellos umherirre, sondern immer brav denselben Ort aufsuche. Irgendwann kommt er – vielleicht.
Und die Taktik ging auf! In einem Gebiet unweit unseres Dorfes klappte es schließlich. Durch die räumliche Nähe bot sich mir die Möglichkeit, dort überdurchschnittlich oft in den Morgenstunden unterwegs zu sein. Mein Fokus lag anfangs nicht unbedingt auf den Ottern, aber ich wusste, dass sie im Revier sind und mathematisch gesehen …
Im Frühjahr hatten sich auf einer Wasserfläche zwei kleine Lachmöwenkolonien gebildet. Eines Morgens im Mai herrschte in einer der Kolonien große Aufregung. Ein Reiher schien zu testen, wie tolerant sich die Lachmöwen ihm gegenüber verhielten, wohl auch im Hinblick auf die zu erwartenden Möwenküken, die er nicht verschmäht. Da Toleranz zumeist ein den Möwen wesensfremder Zug ist, war das Spektakel entsprechend groß. Als einige Tage später die Möwen wieder in heller Aufruhr waren, war es kein Graureiher, der sich der Kolonie näherte, sondern ein Otterrüde. Er schwamm auf die Nester zu, wurde aber unter viel Getöse, Krawall und der bekannten Null-Toleranz-Mentalität erfolgreich von den Möwen vertrieben und suchte sein Heil in der Flucht.
An derselben Stelle Anfang August traute ich meinen Augen nicht, als ich kurz nach Sonnenaufgang eine Fähe mit ihren zwei fast ausgewachsenen Jungen fotografieren konnte und nur Minuten später ein kapitaler Rüde
angeschwommen kam. Vier Otter innerhalb von 20 Minuten – unfassbar.
Von Anfang August bis Ende September konnte man nun fast täglich Otter beobachten. Insgesamt hielten sich in einem Revier mit einer Wasserfläche von ca. sechs Hektar bis zu sechs verschiedene Otter auf. Neben den oben beschriebenen Tieren noch eine weitere Fähe mit ihrem Jungtier. Dieses hatte, wie in Der Fischotter
beschrieben, solch einen Auftrieb, dass es manchmal an einen Korken im Wasser erinnerte.
Ab Ende September wurden die Beobachtungen dann deutlich weniger und erreichten quasi Normalzustand“, und jetzt im November sieht man mit viel Glück einen Otter, welcher dezent in der
Dämmerung, eingehüllt von grauem Nebel, wie ein Schatten durchs Wasser gleitet.
Das Fazit der Geschichte: Je mehr man über sein Fotomotiv weiß, desto mehr erhöht sich die Chance, es vor die Linse zu bekommen. Dies ist sicherlich richtig. Ich glaube aber, es war einfach nur verdammtes Glück, und ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort!

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Briefe aus der Provinz, Vom Buchstaben E zum Brachvogel / 03/2019

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Vor mir liegen drei Bücher, die im letzten Sommer zu meinen Begleitern gehörten. Die Schwierigkeit, die sich mir gerade darstellt, liegt darin, alle drei liebgewonnenen Werke miteinander zu verbinden. Meine Frau meinte sofort, das sei doch nicht schwer, schließlich komme in jedem Buchtitel der Buchstabe E vor. Gedanklich bin ich sofort bei Monty Python im hawaiianischen Kerkerrestaurant und S wie Schopenhauer, aber tatsächlich weiter hilft mir das an dieser Stelle auch nicht.
Natur ist faszinierend! Geht man mit offenen Augen umher und hat sich eine Spur Neugier bewahrt, gibt es ständig etwas Neues zu entdecken. Da kein vernünftiger Mensch von sich behaupten kann, alles zu wissen, gibt es Bücher, die Geschichten erzählen und uns aufmerksam machen auf die großen und kleinen Wunder um uns herum. Ein Beispiel gefällig?
Hier die Geschichte vom Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling (Schmetterling), dem Großen Wiesenknopf (Wiesenpflanze) und der Roten Knotenameise (Ameise). Der Schmetterling legt auf ebenjenem Wiesenknopf, und nur dort, seine Eier ab. Die geschlüpften Raupen verbringen ihre ersten Lebenstage im Inneren der Wiesenknopfblüten. Alles eigentlich noch wenig spektakulär, doch dann seilen sich die winzigen roten Räupchen aus den Blüten ab und lassen sich auf den Wiesenboden fallen. Hier warten sie, bis sie von den Arbeiterinnen der Ameisen entdeckt werden. Treffen beide aufeinander, vermitteln die kleinen Raupen den
Ameisen mittels chemischer Botenstoffe, dass sie eigentlich Ameisennachwuchs sind. Die Ameisen haben dann nichts Besseres zu tun, als die Schmetterlingsraupen in ihren Bau zu tragen, um sie in ihrer Larvenkammer zu deponieren. Die eingeschleusten Raupen sind nun quasi im Schlaraffenland und haben bis zum nächsten Frühjahr Zeit, sich an der Ameisenbrut satt zu fressen, zu wachsen und sich zu erwachsenen Ameisenbläulingen zu entwickeln.
Klingt unglaublich? Steht aber genauso in Jan Hafts Buch Die Wiese. Lockruf in eine geheimnisvolle Welt. Wie die Raupe die Ameisen verführt, wurde ich durch diese kleine Geschichte in das Buch gezogen. Der Autor präsentiert eine äußerst gefährdete und fragile Welt voller Wunder. Wiese ist kein Grünland, bestehend aus hochgezüchtetem, an die Bedürfnisse der modernen Viehhaltung angepasstem Weidegras. Sie ist ein immer
kleiner werdender Lebensraum in Deutschland, der durch das Anlegen von Blühstreifen nicht zu kompensieren ist. Haft beschreibt die Wiese als einen Ort voller Leben und verschiedenster Pflanzen. Sie bietet unzähligen Insekten nicht nur kurzzeitige Nahrung, sondern ist Grundlage ihres Daseins. Und dabei geht es nicht nur um Insekten oder Blumen. Ohne artenreiche, nach der Brutsaison gemähte Wiesen gibt es auch keine Wiesenbrüter, wie zum Beispiel den Brachvogel oder das Braunkehlchen. Ich konnte erstmals in diesem Jahr von letztgenannter Art ein Paar bei der Brutpflege auf einer Wiese beobachten. Beim Naturgucken wird schnell klar, dass nur artenreiche Wiesen voller verschiedenster Gräser und Wiesenblumen über längere Zeiträume Insekten anziehen, die Vögeln als Nahrungsgrundlage dienen und Möglichkeiten zum Nestbau bieten. Eine Frühlingswiese voller Kleinvögel und Insekten im Abendlicht ist ein Erlebnis, von welchem ich bis tief in den Winter hinein zehren kann. Die Wiese ist ein sehr schönes und mit viel Herzblut geschriebenes Buch, welches zusammen mit dem Film Die Wiese. Ein Paradies nebenan den Blick für das Ökosystem Wiese weitet, Zusammenhänge verdeutlicht und Strategien aufzeigt, diesen Biotop zu erhalten.
Schönheit und Geist eines Kunstwerks können nachgebildet werden, auch wenn es zerstört ist; eine verschwundene Harmonie vermag den Komponisten von neuem zu inspirieren; doch wenn eine Gattung von Lebewesen dahin ist, müssen Himmel und Erde vergehen, bevor es sie wieder geben kann“ Mit diesem Zitat von C. William Beebe beginnt das Buch Der letzte Eskimobrachvogel von Fred Bodsworth. Als ich Die Wiese gelesen und den darin erwähnten, heute bei uns extrem selten gewordenen Brachvogel noch im Kopf hatte, zog es mich unweigerlich zum oben erwähnten Klassiker. Es ist ein kleines, gut 100 Seiten starkes Buch, welches nur noch antiquarisch zu erwerben ist. 1772 erstmals wissenschaftlich beschrieben, brüteten Eskimobrachvögel in der kanadischen Tundra und flogen dann in riesigen Schwärmen zum Überwintern ins ferne Argentinien. Da sie niemals eine Scheu vor Menschen entwickelten, waren sie leichte Beute und wurden auf der Rast massenhaft abgeschossen. Keine 200 Jahre brauchte dann die Krone der Schöpfung, um den Vogel mit dieser Methode auszurotten. Als Leser begleitet man einen männlichen Brachvogel auf seiner Reise in die Tundra und wartet mit ihm vergeblich auf die Ankunft eines Weibchens. Bodworth schildert den Alltag des Vogels sehr detail- und kenntnisreich und lässt den Leser so direkt am Leben eines der Letzten einer aussterbenden Art teilhaben. Flankiert wird die Erzählung von Auszügen aus historischen Beobachtungsberichten, was der Geschichte einen sehr eindringlichen, lebensnahen und erschreckenden Unterton verleiht. An ein Happy End braucht man gar nicht zu denken. Es bleiben nur Traurigkeit und Nachdenklichkeit. Und so endet das Buch konsequenter Weise mit einem Zitat aus Die Vögel der kanadischen Arktis von 1955: „Eskimobrachvogel, Numenius borealis. Vermutlich ausgestorben … Zum letztenmal gesehen bei Galveston (Texas) am 29. April 1945. Früher weit verbreitet …“.
Zum wiederholten Nachdenken hat mich ebenfalls Arnulf Conradis Buch Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung angeregt. Der Verlag kündigt das Buch mit den Worten an „Der Augenblick, in dem man den Vogel sieht, hat etwas Einmaliges und zugleich etwas Meditatives – davon erzählt Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung.“ Ja, davon erzählt das Buch schon, aber es erzählt noch von so viel mehr. Es erzählt davon, dass Vogelbeobachten „eher eine Lebensform als ein Hobby (ist), man tut es eigentlich immer, man guckt stets nach Vögeln.“ Es erzählt von Begegnungen mit Menschen und Vögeln, vom Mitfühlen und von der Verbundenheit mit anderen Wesen, von Wahrhaftigkeit. Conradi spannt in seinen Kapiteln den Bogen von Ornithologie, über Landschaftsbeschreibungen hin zum Zen-Buddhismus, Haiku und Meditation. Es geht um Einsicht, Eintauchen und Einfühlen in die Natur.
Vieles im Buch hat mich immer wieder an Naturfotografie erinnert, z.B. wenn Conradi über das Sehen schreibt: „Mit der Einsicht sieht man in das Bild hinein und nimmt zugleich das auf, was sich an Empfindungen mit ihm verbindet. Man taucht sozusagen unter die Oberfläche des rein Sichtbaren und spürt etwas von dem Leben, das sich darin verbirgt.“.
Sollte das nicht auch für Bilder gelten? Vielleicht ist es heutzutage, wo jeden Tag Millionen Bilder produziert werden, an der Zeit, wieder ein wenig mehr zu sehen und sich auf die Natur einzulassen, anstatt sie nur abzubilden. Ich bin ganz bei Conradi, wenn er schreibt, „… die Fähigkeit aber, sich in den Flug des Vogels einzufühlen, geht (über das bloße Betrachten) hinaus. Sie eröffnet nicht nur den Blick für die Natur, sie überwindet auch die Distanz zwischen Beobachter und Beobachteten und führt zu dem Gefühl von Einheit und Harmonie, welches das Wesen der Meditation ist.“ Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum zwei Naturfotografen am selben Ort, zur selben Zeit unterschiedliche Fotos machen?
Was mich als Mecklenburger natürlich besonders gefreut hat, ist das Kapitel über die Peene und dass auch in diesem Buch auf Seite 231 der Brachvogel vorkommt und sich somit der Kreis schließt.
Das Licht betonte ihre Farben, … das gebänderte Braun der Brachvögel mit ihren langen, heruntergezogenen Schnäbeln.“ Auf dass sie noch lange Teil unserer Welt sein mögen!

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Briefe aus der Provinz, Raben in MV / 01/2019

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Peter Krauss „Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?“ Naturkunden, 2017

Erwin Strittmatter „Schulzenhofer Kramkalender“, 1969

Carl Wüstnei + Gustav Clodius „Die Vögel der Grossherzogthümer Mecklenburg“ Güstrow 1900 bzw. BS-Verlag, 2004

Rudolf Kuhk „Die Vögel Mecklenburgs“, Güstrow 1939 bzw. Rangsdorf 2012

Karl Heinz Moll „Unter Adlern und Kranichen“, Wittenberg, 1967

Klafs + Stübs (Hrg.) „Die Vogelwelt Mecklenburgs“, Jena, 1979

Wenn die Tage kürzer werden und die Rufe … hat man irgendwann keine Lust mehr, sich gemütlich im warmen Stübchen hinzusetzen und ein Buch zu lesen. Es zieht einen nach draußen, egal ob es regnet oder schneit, ob die Sonne lacht oder der Tag sich von seiner grauen Seite zeigt.
Der Drang, die behagliche Eintönigkeit aus Essen, Lesen, Wärme und Menschen zu verlassen, erfasste auch mich, und so beobachtete ich zum Jahreswechsel Kolkraben am Rande eines Waldes inmitten der mecklenburgischen Flurlandschaft.
Die matschigen graubraunen Felder boten wenig, bis ich die großen schwarzen Vögel aufsteigen sah. Kaum sind sie in der Luft, zerreißt ihr explosionsartiges krackrackrack die Stille des Tages. Sie steigen hoch, lassen sich fallen. Es scheint, als wollen sie sich gegenseitig fangen und durchkreuzen dabei einen unsichtbaren Ozean aus Luft mit Strudeln, Strömungen und Untiefen. Die Raben jagen sich, sie fliegen steil in den grauen Himmel, nur um sich urplötzlich eines anderen zu besinnen und wieder der Erde entgegen zu rauschen.
Sie fliegen über-, unter- und nebeneinander in Zweier- und Dreiergruppen. Sie singen, oder sagen wir mal, sie schreien und krächzen einander ihre Lieder zu, dass es eine wahre Freude ist, ihnen bei ihrem Treiben zuzusehen. Da bloßes Zusehen und Genießen, trotz aller ehrlich gemeinten Beteuerungen, leider oft nicht abendfüllend sind, fotografiere ich das Schauspiel und gehe vom Hunger getrieben nach Hause. Bilder im Kasten, Fotograf zufrieden, Thema (Raben) abgehakt. So weit so gut, dies kennt, denke ich, jeder.
Doch dieses Mal eben nicht. Noch berauscht von den Flugkünsten der Raben und ihrem Krächzen im Ohr, nehme ich mir meine alte und zerlesene Ausgabe des Schulzenhofer Kramkalender von Erwin Strittmatter vor. Es ist ein Buch, welches 1969 erschien und zumeist kurze Naturbeschreibungen aus der Rheinsberger Gegend enthält. Das Buch begleitet mich seit meiner Jugend, und es passiert immer wieder, dass ich es hervornehme, um Strittmatters Geschichten mit meinem Erleben und meinen Beobachtungen in der Natur zu vergleichen. Wie gesagt, auch dieses Mal hole ich zuhause das alte Buch hervor, um nach Anekdoten über Kolkraben zu suchen und werde fündig.
KORK, KORK, diesen Laut hatte ich vor Jahren im Hochgebirge gehört, und es mußte der Schrei des Kolkraben sein. Raben bei uns, am Rande von Mecklenburg? Es war so, und es waren zwei Kolkraben wie in der Bibel, Kapitel Sintflutgeschichte, und sie flogen aufeinander zu, flogen untereinander und übereinander und liebten sich so selbstverständlich wie jenes Liebespaar hinten in den Wiesen zwischen den Gansblumen.“, schreibt Strittmatter im Kapitel Die Kolkraben.
Stutzig werde ich beim Satz Raben bei uns, am Rande von Mecklenburg?. Eigentlich sind Strittmatters Naturbeobachtungen vertrauenswürdig. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendwann einmal keine Kolkraben hier in der Gegend gab. Oder wurden in meinen Kindheitserinnerungen aus Saatkrähen Kolkraben, beide schwarz und krächzend? Bleibt wieder einmal nur der Blick in die Bücher, denen ich mit meinem Ausflug eigentlich hatte entfliehen wollen.
Gehen wir mal chronologisch vor. Seit dem 17. Jahrhundert wurden in Deutschland Kolkraben nachweislich verfolgt. Ende des 19. Jahrhunderts war dann ein massiver Rückgang zu verzeichnen, zum einen durch Abschuss, zum anderen durch das Auslegen von Phosphor- und Strychnineiern.
In der im Jahre 1900 erschienen Abhandlung Die Vögel der Grossherzogthümer Mecklenburg ist zu lesen, dass Raben im Sommer in Mecklenburg recht selten geworden waren, jedoch im Herbst und Winter nordische Vögel zum Überwintern bei uns einfielen. Brüteten die Vögel früher in jedem größeren Walde, sind Brutpärchen um 1900 schon eine Seltenheit und werden auch weiterhin stark verfolgt.
1939 berichtet Kuhk, einer der herausragenden Ornithologen seiner Zeit, in seinem Buch Die Vögel Mecklenburgs von ganzen drei Brutpaaren des Kolkraben in Mecklenburg und einer starken Abnahme der ziehenden nordischen Raben im Winter. Um 1940 war das nördliche Mitteleuropa bis auf kleine Restpopulationen faktisch frei von Kolkraben. Ab 1970 kam es dann jedoch langsam zu einer Wiederbesiedlung der alten Gebiete im Norden unseres Landes, ausgehend von den Mittel- und Hochgebirgen.
Irgendwann muss sich jedoch etwas geändert haben. Im Klassiker Unter Adlern und Kranichen des Tierfotografen Karl-Heinz Moll von 1967 berichtet dieser bei mehreren Adleransitzen an der Müritz von Beobachtungen, bei welchen sich auch Kolkraben neben Seeadlern am ausgelegten Luder einfanden.
Gehen wir weiter in der Zeitskala und schauen in das Buch Die Vogelwelt Mecklenburgs von 1979. Zu diesem Zeitpunkt muss es schon wieder Kolkraben in MV gegeben haben. 1973 wurde gemäß Sonderregelung der Obersten Jagdbehörde auf Antrag der Abschuss der schwarzen Vögel gewährt, was ca. 500 erlegte Exemplare jährlich bedeutete. Diese Bestandsregulierung diente dazu, die Schäden an geschützten und jagdbaren Tierarten, welche durch Kolkraben verursacht wurden, zu minimieren.
Dank der Europäischen Vogelschutzverordnung von 1979 sind auch die Kolkraben heute geschützt, was neben ihrer Intelligenz und großen Anpassungsfähigkeit ausschlaggebend für die heutige positive Bestandsentwicklung war.
2014 gibt es gab es laut dem Atlas Deutscher Brutvogelarten einen Brutbestand von 15.500 – 22.000 Revieren in Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern sollen es an die 2.700 – 4.000 Brutpaare sein.
Trotz dieser positiven Bestandsentwicklung werden jedoch immer wieder Rufe nach Abschuss dieser Vögel laut. Als Grund dafür werden die Verringerung der durch Raben hervorgerufenen Schäden an geschützten Tierarten und der Schutz des Weideviehs, besonders der Lämmer und Kälber, angegeben. Eine Woche nach meinen Beobachtungen erschien in unserer Tageszeitung ein Artikel über Raben mit der Überschrift Streng geschützter Vogel macht Ärger und der nachfolgende Satz lautete: Kolkraben machen den Schäfern Sorgen, denn sie töten Lämmer.

Und was beweist die Rabengeschichte wieder einmal? Natur verändert sich ständig. Dinge, die wir in unserer relativ kurzen Lebensspanne für immerdar halten, sind es in den seltensten Fällen. Bücher und nicht zuletzt Naturfotos helfen beim Erinnern und Festhalten. Sie dokumentieren und sind Bestandsaufnahmen der Zeit. Und wenn ich an die unscharfen, körnigen und schwarzweißen Kolkrabenbilder des zuvor erwähnten Moll aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts denke, sind sie ein Beleg, mit dem die Rückkehr der Raben in Mecklenburg-Vorpommern sichtbar wird. Und noch etwas, Strittmatter hatte recht – sie kamen zurück!