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Alle Jahre wieder!

Die ersten Junggesellen besetzten ab Mitte Juni den traditionellen Schlafplatz. An manchen Tagen künden nur die Rufe der Kraniche von deren Anwesenheit, ansonsten sind sie verschwunden hinterm Nebel.

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Bei den Störchen

Viele der Horste in der Umgebung sind in diesem Jahr mit Störchen besetzt. Bisher waren sie auch erfolgreich beim brüten. Im Gegensatz zu den letzten Jahren, tummeln sich in den Horsten wieder mal mehr als ein Jungstorch. Und fotogen sind sie alle mal.

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Briefe aus der Provinz „Vom Vorteil, einen Vogel zu haben“ / 02/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Vom Vorteil, einen Vogel zu haben

Seit Mitte März versuche ich jeden Morgen, vor dem Sonnenaufgang – und somit vor Arbeit, Frühstück und erstem Menschenkontakt – draußen zu sein. Meine Familie hält mich zwar für verrückt, aber daran bin ich gewohnt, damit kann ich leben. Es ist eher die einzige Möglichkeit, nicht verrückt zu werden. Ich besuche dann eine kleine Wasserfläche und sehe den Vögeln dabei zu, wie sie den Tag beginnen. Noch vor Sonnenaufgang trompeten die Kraniche, die Graugänse erheben sich schwingenpfeifend in die Höhe, die Rohrdommel brummt aus dem undurchdringlichen Schilf und die Rothals- und Haubentaucher stimmen in den Chor aus Streitgesprächen ein. Blesshühner höre ich zanken und die erwachten Reiher kreischen. Kurz bevor die ersten Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfläche treffen, kommen mit lautem Gekreisch die Lachmöwen, gefolgt von Kormoranen. Während der ganzen Zeit spielen Enten, Bachstelzen, Schwalben, Amseln, Meisen und Rohrammern ihre Melodien, wie die zweite Reihe eines Orchesters. Was für ein Konzert! Was für ein Leben! Doch nicht nur an diesem Platz und zu dieser Zeit beobachte ich Vögel. Simon Barnes beschrieb dies einmal so: „Wenn ich einen Vogel sehe, gucke ich immer hin, egal wo ich bin. Das ist keine bewusste Handlung mehr. Ich kann mitten in einer Unterhaltung von enormer Wichtigkeit sein, zum Beispiel über die »Entwicklung unseres Ehelebens«, aber meine Augen huschen bei der Andeutung einer Bewegung da draußen zum Fenster, und ich fange im Augenblick gerade noch etwas ein und registriere: »Verdammt noch mal, Sperber!« Ich bringe es dann fertig, das Gedachte laut auszusprechen – nicht immer eine kluge Entscheidung.“. Zu finden ist dieses Zitat im Buch Vögel. Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen von Malcolm Tait und Olive Tayler, in der Übersetzung von Arnulf Conradi. Hier findet der Leser eine äußerst kurzweilige und amüsante Zusammenstellung von Zitaten, Geschichten und Anekdoten rund um das Thema Vögel. Mich hat meine Frau am Frühstückstisch einmal gefragt, woran ich gerade denke, und ich habe wahrheitsgemäß geantwortet, dass ich, wenn wir unsere Plätze am Tisch tauschen würden, bei den Mahlzeiten besser die Vögel im Garten beobachten könnte. Wie zu erwarten war, kam dieser Vorschlag nur mäßig gut an.

Doch zurück zum Thema Vogelbeobachtung in schwierigen Zeiten. Eines meiner Lieblingsbücher dazu ist Birding Babylon. Tagebuch eines Soldaten im Irak von Jonathan Trouern-Trend. Dieses kleine Büchlein wurde erstmals 2006 in Deutschland im Berliner Taschenbuch-Verlag herausgegeben. Der Autor wurde 2004 als Soldat einer US-Sanitätseinheit für ein Jahr in den Irak abkommandiert und führte ab diesem Zeitpunkt ein Internet-Tagebuch über seine Naturbeobachtungen in dem für ihn fremden Land. Wenn es sein Dienst zulässt, beobachtet Trouern-Trend Vögel und schreibt seine Erlebnisse, soweit möglich, in kurzem und prägnantem Stil nieder. Das Beobachten von Vögeln ist hierbei deutlich mehr als pures Freizeitvergnügen. Es ist, wie im Vorwort von Marcel Beyer treffend beschrieben, „Ein Schutzmechanismus. Trouern-Trend lenkt sich von der bestehenden Lebensgefahr ab, er lässt uns an seinen Übungen im Aufrechterhalten geistiger Gesundheit teilhaben, blendet den Krieg, soweit es eben möglich ist, aus.“. Außerdem fungiert seine Leidenschaft als Brücke zwischen den Einheimischen und ihm. Sie ist ein Bindemittel zwischen den Welten und Kulturen, etwa, wenn irakische Kinder ihm erzählen, dass der Weißstorch lak-lak genannt wird und auch in ihrem Land die Kinder bringt. Im Hörspiel zum Buch fallen die Sätze „Stay busy! Stay Cool!“ – „Such Dir Beschäftigung! Bleibe ruhig!“. Beobachten ist Beschäftigung, und es bedeutet, offen zu sein, zu reflektieren und die Welt wahrzunehmen. Vogelbeobachtung kann ein Anker sein, um nicht vom Wahnsinn und der Unfassbarkeit der Ereignisse fortgespült zu werden.

Egal, ob man sich der Vogelbeobachtung hingibt oder diese als schrulliges Hobby abtut, es ist nicht zu leugnen, dass Vögel eine ungeheure Faszination auf uns ausüben. Menschen, die sich dieser Passion ganz und gar verschrieben hatten, waren Magdalena und Oskar Heinroth. Vielleicht kennt der eine oder andere das zwischen 1924 und 1933 in vier Bänden erschienene Werk Die Vögel Mitteleuropas. In allen Lebens- und Entwicklungsstufen photographisch aufgenommen und in ihrem Seelenleben bei der Aufzucht vom Ei ab beobachtet. Wenn man die Bände einmal in der Hand gehalten hat, kann man sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, wieviel Arbeit, Zeit und Hingabe für diese Bücher nötig waren. Auf 511 ganzseitigen Tafeln sind Fotografien von tatsächlich allen Entwicklungsstadien der jeweiligen Art enthalten– vom Ei bis zum voll entwickelten Vogel. Die Heinroths zogen für dieses Langzeitprojekt in ihrer Berliner Wohnung 1.000 Individuen von 286 Arten auf, beschrieben deren Verhaltensweisen und dokumentierten die Entwicklung ihrer Zöglinge mit Hilfe der Fotografie. Gerade ist bei Knesebeck Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung von Karl Schulze-Hagen und Gabriele Kaiser erschienen. Im ersten Teil des Buches werden die menschlichen Protagonisten und ihre Arbeit beschrieben. Im zweiten dagegen sind Bilder und Textpassagen aus den erwähnten Bänden Die Vögel Mitteleuropas wiedergegeben. Das Buch erschien im März dieses Jahres, und obwohl es eine fast 100 Jahre alte Geschichte erzählt, ist es aktueller denn je. Arten, die für die Heinroths noch alltäglich waren, sind heute nicht mehr zu finden oder im dramatischen Niedergang begriffen. Wie heißt es im Epilog: „Wir betreiben Raubbau, und dadurch verändern wir selbst das Klima und die biologische Vielfalt – Ökosysteme, Arten, Individuenzahlen werden in Mitleidenschaft gezogen. Diese Auswirkungen treffen auch die Menschheit selbst.“

Oskar Heinroth porträtierte seine Vögel mit einer Plattenkamera auf über 15.000 Glasplatten, von denen ein Teil die Wirren der kommenden Jahre überstand. Für das Buch Die Vogel-WG wurden diese Platten von Klaus Nigge restauriert. Nun präsentieren sie sich wieder in ihrer ganzen Herrlichkeit. Einige dieser Bilder sind auch in der GEO-Ausgabe 04/2020 zu sehen.

So, laut Vorgabe stehen mir noch ungefähr 300 Wörter zur Verfügung. Wenn Vogelbeobachtung und skurrile Hobbys vor Wahnsinn schützen, dann definitiv auch Humor. Ich habe etwas gebraucht, um einen Dreh zu finden, FUP von Jim Dodge in die Briefe zu schmuggeln, aber jetzt könnte es klappen. FUP ist eine liebesfilmsüchtige Stockente, die zusammen mit dem ruhigen und Zäune bauenden Waisen Tiny und dessen Großvater Jake auf einer Ranch in der Nähe des Pazifiks lebt. Eigentlich steht weniger FUP im Mittelpunkt des Buches als vielmehr Granddaddy Jake, den die meisten Menschen seiner Gemeinde für ein bisschen verrückt halten. „Zum Glück war es die Art von Gemeinde, die im amerikanischen Leben fast verlorengegangen ist, eine, in der die Nachbarn respektvoll und freundlich sind, eine, in der man sich – solange einer nur schwierig und nicht gefährlich ist – um seinen eigenen Kram schert.“ Vielleicht merkt man an diesem Zitat, dass das Buch von einer gehörigen Prise schwarzen Humors durchzogen ist. Es handelt vom Meistern der Widrigkeiten der Welt, von Verantwortung und von Freundschaft. Der San Francisco Chronicle bezeichnete es als: „Ein Diamant in der Jauchegrube des Lebens“. Was bleibt mir da noch zu sagen? Herrliches Buch!

Als Resümee des heutigen Briefes lässt sich folgendes zusammenfassen: „Stay busy! Stay cool!“ und behandle Deine Mitmenschen respektvoll, egal ob sie einen Vogel haben oder nicht.

Alles Gute, Du bist, was Du liest!

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Jonathan Trouern-Trend, Birding Babylon. Tagebuch eines Soldaten im Irak, BvT, 2009

Malcolm Tait, Olive Tayler, Vögel. Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen, Unionsverlag, 2014

Karl Schulze-Hagen, Gabriele Kaiser, Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung, Knesebeck, 2020

Jim Dodge, FUP, Rogner & Bernhard, Zweitausendeins, 2002

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3 Tage abgetaucht im Bruch

Ende Juni ist die aktive Zeit für Tierfotografen schon ziemlich begrenzt. Für mich beginnt sie mit der bürgerlichen Dämmerung und endet ca. 30min nach Sonnenaufgang. Den Rest des Tages kann ich dann mit Lesen, Essen und Ausruhen gestalten – Sommer eben. Aber wie kurz die Zeit auch ist, irgendwas sehe ich immer im Bruch.

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Nest neben der Landstrasse

Auf allen feuchten Wiesen und hochgrasigen Weiden sowie auf grabendurchzogenen Feldern und an Landstraßen ist das Braunkehlchen ein über das ganze Land verbreiteter und häufiger Brutvogel.“, so steht es in Rudolf Kuhk „Die Vögel Mecklenburgs“ von 1939. Wenn auch leider das Braunkehlchen nicht mehr in ganz MV anzutreffen ist, dass der Vogel gern neben (Land)Straßen brütet scheint immer noch so zu sein. Übrigends wird das Braunkelhlchen im Kuhk unter Braunkehliger Wiesenschmätzer geführt.

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Trauerseeschwalbe I eblawhcseesreuarT

Sie sind wieder da! Trauerseeschwalben – es sind so schöne Vögel.

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Vollmondmorgen

Am Vollmondmorgen im April fielen die Temperaturen auf -4,5°C. Selten habe ich meine Handschuhe so vermisst, wie an diesem Morgen. Aber die Atmosphäre am Wasser entschädigte für alles.

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6 ha / Schwäne, Gänse und Enten

Im März kamen die Vögel zurück. Braunkehlchen, Rohrweihen, Rauchschwalben, Bachstelzen – überall Gezwitscher und Geflatter. Die ersten jungen Graugänse schwimmen herum. Schwäne und Blässrallen zanken und streiten, als ob es kein Morgen gibt. Die Lachmöwen beleben ihre Kolonie. Die Graureiher haben im Schilf ein Nest errichtet. Alles umrahmt von den Brummen der Rohrdommel und dem Gekreische der Rothalstaucher. Und über allem schweben die Adler! Es gibt nichts besseres als den Tag zu beginnen.

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Am Rehgraben

Es gibt wenig schöneres als am frühen Morgen zu paddeln. Die Vögel singen, Nebel schwebt über den Wiesen, die Sonne geht auf und die Welt ist in unglaubliches Licht getaucht.

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Briefe aus der Provinz „Anleitungen zur Aufmerksamkeit “ / 01/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Anleitungen zur Aufmerksamkeit

Statt Schnee und Eis erlebten wir gerade den wärmsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in unseren Breiten. Einzig und allein die Kürze der Tage stimmte noch mit meinen Kindheitserinnerungen an diese Jahreszeit überein. Trotz der Plusgrade draußen musste ich heizen. Bisher hatte ich Feuerholz gefällt, gesägt, gespalten, herangeschleppt, gehackt und gestapelt, aber noch nie daran gedacht, dass ich mehrere Dekaden Sonne, Wind und Geschichte verfeuere. Anders dagegen Aldo Leopold in seinem bei Naturkunden erschienenen Buch Ein Jahr im Sand County. In der Februar-Episode führt er mittels der Jahresringe eines Eichenscheites durch das 80jährige Leben des Baumes. So wie die Säge die Jahresringe offenlegt, so legt er dessen Geschichte frei und erzählt von den Ereignissen des Landes, die den Baum unweigerlich formten. In diesem, dem ersten Teil des Buches, beschreibt er exemplarisch den Jahreszyklus auf seiner Farm am Wisconsin River in Sand County mittels monatlicher Naturbeobachtungen. Im zweiten Teil Skizzen von dort und hier zeigt er Probleme des Naturschutzes auf, um im dritten Teil Das Ende vom Lied Ideen zu erörtern, welche zur Lösung der aufgezeigten Probleme beitragen können. Wenn Platz dafür wäre, würde ich den gesamten Text des von Leopold 1948 verfassten Vorwortes an dieser Stelle zitieren. Schon die ersten zwei Sätze beschreiben treffend die Grundhaltung des Buches: „Manche können ohne wilde Dinge leben und manche können es nicht. Diese Essays sind die Freuden und Verzweiflungen von einem, der es nicht kann.“ 1948 stellt er die Frage, „… ob ein noch höherer „Lebensstandard“ den Preis der natürlichen, wilden, freien Dinge wert ist.“ Und ich frage mich 72 Jahre später, warum sich darüber scheinbar nicht mehr Menschen Gedanken machen und dementsprechend handeln. Das Buch enthält vordergründig keine lieblichen Naturbeschreibungen, es ist kein Ratgeber für den richtigen Umgang mit ihr. Es ist eine Sammlung von Schriften und Essays eines der Pioniere des Naturschutzes, der ohne die Herausgabe dieses Buches wohl gänzlich im deutschsprachigen Raum dem Vergessen anheimgefallen wäre. Es regt zum Hinterfragen des eigenen Verhaltens an, der eigenen Verantwortung gegenüber der Natur. Jürgen Brôcan fasst dies im Nachwort treffend zusammen: „Naturschutz ist eine Haltung, die ethisches Handeln und Denken ebenso erfordert wie stiftet.“ Ein Buch aktueller denn je und nicht zuletzt ein Impuls für die Auseinandersetzung mit dem Thema Ethik in der Naturfotografie.

Ebenfalls quasi an den Kamin gefesselt hat mich auch John Lewis-Stempels Mein Jahr als Jäger und Sammler. Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben. Nach Ein Stück Land ist es das zweite in Deutschland erschienene Buch des Briten. Er berichtet von seinem Versuch, sich ein Jahr lang von dem zu ernähren, was er auf seiner 16 Hektar großen Farm sammelt, fischt und jagt. Und es gibt wirklich nichts, was nicht verwertet wird. Dies ist auch nötig, denn besonders in den Wintermonaten ist der Tisch in der Natur doch sehr spärlich gedeckt. So sieht der Kalender seiner wilden Nahrungsmittel im Februar wie folgt aus: Tauben, Kaninchen, Grauhörnchen, Löwenzahn, Feldsalat und Brennnesseln. Fertig. Basta. Vielleicht noch ein bisschen Eingelegtes und Eingekochtes, dann ist Schluss mit den kulinarischen Freuden. Der Autor erzählt von seinem Leben, in welchem sich eigentlich alles nur um die Nahrungssuche dreht, auf witzige und erdverbundene Weise. Er berichtet ironisch, wie sein Experiment von der restlichen Familie belächelt wird, wie er zweifelt und sich motiviert, dennoch durchzuhalten. Den Reiz des Buches macht für mich aber aus, wie sich Lewis-Stempels‘ Betrachtung der Natur, des Landes verändert (und letztendlich auch die des Lesers). Wie zum Beispiel unscheinbare Pflanzen, die wir gemeinhin mit Nichtachtung strafen, neu gesehen und dadurch Teil unserer Welt werden. Man begegnet der Natur anders, und sei es nur, dass man sich nach der Lektüre des Buches vornimmt, den Frühling mit einer Suppe aus Vogelmiere und einem Brennnesselbier einzuläuten. Die entsprechenden Rezepte gibt’s im Buch gratis. Unterschreiben würde Lewis-Stempels wohl auch folgenden Satz aus Annie Dillards Pilger am Tinker Creek:

Wenn ich nicht bewusst meine Aufmerksamkeit auf das richte, was vor meinen Augen geschieht, werde ich es schlicht nicht sehen.“ Annie Dillard, Pilger am Tinker Creek

Dieses Zitat findet sich in der Einleitung von Jürgen Goldsteins Naturerscheinungen. Die Sprachlandschaften des Nature Writing; es könnte aber auch in jedem Lehrbuch für Naturfotografie stehen. Im Buch von Goldstein geht es jedoch nicht um Fotografie, sondern, wie der Name schon sagt, um Nature Writing. Laut Einleitung setzt Nature Writing „… auf die Einsicht, dass Sprache unser Denken formt und somit die Wirklichkeit, in der wir leben. Es unternimmt den Versuch, einen sensiblen Zugang zur entgleitenden Natur zu bewahren.“ Erst habe ich befürchtet, dass Buch biete eine bloße Aufzählung, Inhaltsangabe und Interpretationshilfe für die gängigsten Werke des Nature Writing, wie H.D. Thoreaus Walden, J.A. Bakers Der Wanderfalke oder der Werke von Robert Macfarlane, aber das wäre deutlich zu kurz gegriffen. Ja, wichtige Werke werden erläutert, eine geschichtliche Einordnung des Genres findet statt, aber das Buch ist weit mehr: Es verschafft Eingang in die Mannigfaltigkeit und Vielschichtigkeit dieser Literaturform und verdeutlicht dies an Beispielen. Der Hinweis des Autors an die „aufzubringende Ausdauer“ des Lesers ist gleichweg als Hinweis zu verstehen, dass man sich manchmal regelrecht durch das Buch durcharbeiten muss. Aber auch hier lohnt sich der Aufwand. Es ging mir mehrfach so, dass ich beim Lesen innehielt, um über bestimmte Sätze oder Passagen nachzudenken und sie ein zweites Mal zu lesen. Das gesamte Buch durchzieht die Aufforderung „… den scheinbar belanglosen Naturereignissen vor der eigenen Haustür Aufmerksamkeit (zu) schenken. … Die Aufmerksamkeitsschulung, das Vertraute und Naheliegende nicht zu übersehen, sondern in seiner Bemerkungswürdigkeit hervortreten zu lassen, ist das Ziel.“ Nature Writing ermöglicht es, mit der Natur in Kontakt zu treten und dabei zu sein. Ähnlich ist es ja auch mit unseren Bildern. Viele Menschen sagen, sie fotografieren, um anderen die Schönheit der Natur zu zeigen, ihnen diese dadurch näher zu bringen und damit für ihren Schutz zu werben. Dies ist definitiv besser als nichts, ersetzt aber, wie Goldstein meint, nicht, „… den unmittelbaren Eindruck, die Erfahrung der Natur vor Ort.“ Trotzdem kann das Beschreiben der Natur oder auch ein Naturfoto zeigen, dass ein Baum, eine Landschaft, ein Tier mehr ist, als der bloße Verwertungsnutzen, auf den Natur zumeist reduziert wird. Ich wünsche mir, dass dieses Buch seine Leserschaft findet, denn es könnte zum Standardwerk für Natur Writing werden.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf das neue Buch von Johann Brandstetter Über Leben. Die Wiederentdeckung der Natur aufmerksam machen. Ich mag Zeichnungen, und manchmal glaube ich, dass ich nur fotografiere, weil ich nicht zeichnen kann. Das Buch gliedert sich in drei Teile, einen Essay von Andreas Weber, den Bildteil und ein Gespräch von Brandstetter mit der Kunsthistorikerin Annette Scholl. Besonders der Illustrationsteil ist eine Hommage an die Vielfältigkeit der Natur und des Lebens. Auch hier ist die Aufmerksamkeit des Künstlers auf die Natur gerichtet, und die Werke preisen ihre ganze Einzigartigkeit und Schönheit. Doch auch Brandstetter sagt: „Ich male Verlorenes, damit es bleibt.“

In diesem Sinne: Du bist, was du liest!


Aldo Leopold „Ein Jahr im Sand County“, Naturkunden, Matthes & Seitz

John Lewis-Stempel „Mein Jahr als Jäger und Sammler. Was es wirklich heißt, von der Natur zu Leben.“, Dumont

Jürgen Goldstein „Naturerscheinungen. Die Sprachlandschaften des Nature Writing“, Matthes & Seitz

Johann Brandstetter „Über Leben. Die Wiederentdeckung der Natur“, oekom

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ich war nicht bereit

Was soll ich sagen? Mein Ziel war es auf dem verschneiten Bahndamm im Bruch etwas Felliges zu fotografieren. Aber ich war nicht bereit. Den Fuchs zu spät gesehen, demzufolge zu spät ausgelöst und dann noch zwei Fotografen am anderen Ende des Weges mit auf dem Bild. Manchmal ist die Welt nicht gerecht, aber im nächsten Jahr…

Dafür noch 3 analoge Aufnahmen von diesem Ausflug. Macht immer wieder Spaß!