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Briefe aus der Provinz „Die Störche sind da!“ / 03/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Die Störche sind da!

Seit 1994 warteten wir in unserem Dorf vergeblich darauf, dass die Störche zurückkehren. In Verlauf der letzten Jahre errichteten wir drei verschiedene Horst-Unterlagen. Bei der letztgeschaffenen im Herbst vorigen Jahres hatte ehrlich gesagt keiner damit gerechnet, dass sie angenommen wird. Doch in diesem Jahr waren die Störche da. Richtig glauben konnten wir es erst, als sie mit Klappern und Brüten anfingen und ein Junges aufzogen. Jetzt, Ende August, sind die schwarzweißen Vögel weg, und der Horst liegt wieder verlassen da. In den letzten Wochen habe ich immer wieder die Aktivitäten unserer Störche fotografiert, doch einige meiner Wunschbilder wollten einfach nicht gelingen. Das ist natürlich nicht weiter schlimm, denn a.) gibt es tausende guter Storchenfotos und b.) kommt das nächste Jahr bestimmt, und damit die Chance, die Fotopläne zu verwirklichen. Vorausgesetzt, die Störche überstehen ihre gefahrvolle Reise in die Überwinterungsgebiete und finden im kommenden Frühjahr wieder den Weg nach Mecklenburg-Vorpommern in unser Dorf.

Heute wissen wir, dass die Klapperstörche aus unserer Gegend wahrscheinlich über den Nahen Osten Richtung südliches Afrika ziehen. Früher dagegen war es für die Menschen nur schwer vorstellbar, dass Vögel in der Lage sind, solch gewaltige Strecken zurückzulegen. Der griechische Universalgelehrte Aristoteles erklärte sich das Verschwinden bestimmter Vogelarten im Herbst damit, dass diese Winterschlaf in Höhlen hielten, eine Vorstellung, die bis weit ins Mittelalter verbreitet war. Andere Gelehrte glaubten beispielsweise, dass Schwalben im Schlamm der Teiche überwintern und Kuckucke sich im Winter in Sperber verwandeln. Dass Störche und andere Zugvögel bis nach Afrika fliegen, um dort den Winter zu verbringen, war nicht fassbar und überstieg die Vorstellungskraft der meisten Menschen. Jedoch, die immer wieder in Europa auftauchenden „Pfeilstörche“ wiesen eindeutig auf die weiten Reisen der Tiere hin. Pfeilstörche sind Störche, die in Afrika von Pfeilen getroffen, aber nicht tödlich verletzt wurden, sodass sie den Rückflug nach Europa bewältigten. Insgesamt soll es von diesen Pfeilträgern fast 30 Exemplare geben. Einer der wohl bekanntesten ist der am 21.05.1822 in Bothmer gefundene Pfeilstorch, dessen Kopie heute noch im Bothmer Schloss im Landkreis Nordwest-Mecklenburg ausgestellt ist. Pfeile dienen ja bekanntlich auch dazu, auf etwas hinzuweisen und diese deuteten eindeutig Richtung Afrika.

Richtig aufregend wurde es aber erst, als die Beringung von Vögeln aufkam. Erstmals Erfolg mit einer Markierung hatte der Postvorsteher Dette aus Berka a. d. Werra, welcher einen Jungstorch mit einem Messingtäfelchen versah. Darauf stand Reichspost Berka a.W., Germania, den 27.07.1880, Dette. Am 20.08. verließ der markierte Storch Berka und am 24.08. wurde er in Nordspanien, 1.200 km von seiner Heimat entfernt, erlegt, was den ersten Beweis der Spanienreise eines Storches erbrachte. Eine weitere, in die Annalen des Vogelzugs eingegangene Geschichte, ist die eines Jungfernkranichs aus dem Tierpark von Friedrich von Falz-Fein in Askania-Nova in Südrussland. Dieser hing besagtem Kranich eine Metallkapsel um den Hals, auf welcher in deutscher, französischer, englischer und russischer Sprache folgender Text stand: „Dieser Kranich ist auf meiner Besitzung Askania-Nova, Gouvernemet Taurien, Südrussland, geboren und erzogen. Es wird gebeten, bekanntzugeben, wo dieser Vogel gefangen und getötet wurde. September 1892. Fr. Falz-Fein.“ Drei Monate später wurde der Vogel dann im afrikanischen Dongola (Sudan) erlegt. Die Kapsel gelangte in die Hände des Kalifen Abdullah, und so wiederum erhielt dessen Gefangener, der Offizier und Forscher Rudolf Saltin, davon Kenntnis, wodurch wir heute von diesem Vorfall wissen.

1899 kam dann Schwung in die Geschichte der Vogelberingung. Der dänische Gymnasiallehrer Hans Christian Mortensen entwickelte die Beringung zu einer wissenschaftlichen Methode weiter, um den Vogelzug zu erforschen und Datenmaterial zusammentragen zu können. Die von ihm verwendeten Ringe hatten fortlaufende Nummern und die Wiederfunde wurden regelmäßig veröffentlicht. In Deutschland gründete Johannes Thienemann 1901 auf der Kurischen Nehrung die Vogelwarte Rossitten, wo ab 1903 unzählige Vögel Ringe erhielten.

Da auch immer wieder Störche zu den beringten Vögeln gehörten, wuchs mit der Zeit auch das Wissen um deren Zugrouten. In dem Büchlein Vögel auf der Reise von Dr. Kurt Floericke, erschienen 1928 im Kosmos-Verlag, gibt es eine Karte zum Storchenzug, auf der die West-Route über Gibraltar und die Ost-Route über den Nahen Osten eingezeichnet sind.

1994 wurde dann der erste Storch, mit dem lauschigen Namen Prinzesschen, von Peter Berthold vom Max-Planck-Institut mittels GPS-Sender getrackt, der bis zum 23.12.2006 Daten lieferte. Das letzte Signal von Prinzesschen kam von einer Farm in Südafrika, wo sie eines natürlichen Todes starb. Auf dem Stein, der ihr Grab markiert, steht „Eine wundervolle Reise geht zu Ende.“ Nachvollziehen kann man den Weg von Prinzesschen im Buch Die Wege der Tiere. Ihre Wanderungen an Land, zu Wasser und in der Luft in 50 Karten von James Cheshire und Oliver Uberti. Mittels GPS und Funk sind Menschen heute in der Lage, die Wanderungen von Tieren in den verschiedensten Elementen und Regionen zu verfolgen. Von solchen Tieren und deren Wanderwegen erzählt dieses Buch mittels Karten und Geschichten. Es ist ein Buch zum Schmökern, zum Staunen und durchaus geeignet, es immer wieder in die Hand nehmen. Es vermittelt die Vielschichtigkeit des Aktionsradius von Tieren über Grenzen hinweg und zeigt auch, dass wir zwar vieles über die uns umgebende Welt wissen, aber längst nicht alles.

Als Alexander Gerst 2018 zur Internationalen Raumstation ISS flog, gehörten zu seinem Forschungs-Gepäck auch die Empfangsantennen des Beobachtungssystems für Tierwanderungen, ICARUS, welche an der Außenseite der ISS angebracht wurden. Durch das internationale Projekt ist es inzwischen möglich, Datensätze von besenderten Tieren weltweit zu empfangen, die mehr als nur deren Standort verraten. Die durch Solarzellen angetriebenen und nur noch 5 Gramm schweren, an den Tieren angebrachten Sender liefern kontinuierlich Daten über Außentemperatur, Luftdruck, Feuchtigkeit, Beschleunigung und das Erdmagnetfeld. Die Daten werden von der ISS empfangen und dann an die Forscher weitergeleitet. Diese versprechen sich u.a. aus dem Verhalten der Tiere, Erbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche vorhersagen zu können. Nach der Testphase und ersten technischen Startschwierigkeiten wird das Projekt nun im Herbst 2020 an den Start gehen. Gestoßen bin ich auf diese Geschichte in dem bei Kosmos erschienen und von Christian Schwängler herausgegeben Buch Die Flugbegleiter. Von einem Geiger, der Frieden stiftet, Hightech-Störchen und andere Reportagen über Vögel und Menschen. Das Projekt Flugbegleiter vereint 10 Autorinnen und Autoren, die laut Vorwort „… gemeinsam Natur und Vogelwelt in die Öffentlichkeit bringen, die Debatten darüber mit sachkundigem und lebendigem Journalismus bereichern wollen“. Die besagte GPS-/Storchenstory findet man im Kapitel Erforschen und Entdecken, welches flankiert wird von den Kapiteln Beobachten und Staunen bzw. Gefahren erkennen, sich Sorgen machen. Zum einem werden in den kurzweiligen Kapiteln die gefiederten Freunde und deren Beobachtung gefeiert, zum anderen regen sie zum Nachdenken über eigene Sichtweisen und Denkmuster an. Exemplarisch sei hierfür der Beitrag Bauernhöfe und Braunkehlchen von Christian Schwängler genannt, der über ein Zusammenwirken von Landwirtschaft und Naturschutz zum Erhalt und Schutz der Natur resümiert.

Es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit wir den Zustand unserer Umwelt hinnehmen und meist erst bemerken, dass sie ärmer und eintöniger geworden ist, wenn plötzlich etwas fehlt. Dass nach 26 Jahren, wie im Falle unserer Störche im Dorf, eine Wendung zum Positiven eintritt, ist erfreulich, aber wahrscheinlich nicht der Regelfall. Gestern Morgen habe ich den Altstorch zum letzten Mal gesehen. Ich hoffe, dass er seine große Reise heil überstehen wird, und wir auch im kommenden Frühling wieder sagen können: „Die Störche sind da!“

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J. Cheshire, O. Uberti: Die Wege der Tiere. Ihre Wanderungen an Land, zu Wasser und in der Luft – in 50 Karten, Hanser, 2017

Christian Schwägerl (Hrsg.): Die Flugbegleiter. Von einem Geiger, der Frieden stiftet, Hightech-Störchen und andere Reportagen über Vögel und Menschen, Kosmos, 2020

Dr. Kurt Floericke, Vögel auf der Reise, Kosmos, 1928

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Schilfland. Das Anklamer Stadtbruch

In der vergangen Woche ist unser gemeinsames Buch „Schilfland. Das Anklamer Stadtbruch“ in den Druck gegangen. Im Dezember 2021 wird es dann im Tecklenburg Verlag erscheinen – Vorbestellungen sind jetzt schon möglich! Der Klappentext verrät folgendes:

„Schilfland“ ist eine persönliche Hommage an einen besonderen Ort, dessen einzige Konstante die Veränderung zu sein scheint. Das Anklamer Stadtbruch im äußersten Nordosten unserer Republik ist eines der letzten echten Wildnisgebiete Deutschlands. 1995 durch eine Sturmflut weiträumig überflutet, bekam das Gebiet die einmalige Chance, sich ohne menschliches Zutun entwickeln zu können. Entstanden ist ein Naturparadies, das geprägt ist von einer Artenvielfalt, die in Deutschland heute einzigartig ist: Seeadler, Reiher und Limikolen brüten im Bruch. Rothirsch, Biber und Fischotter durchstreifen den Schilfwald, und an warmen Sommertagen tanzen Schmetterlinge und Libellen über dem Wasser. Bis zum Horizont erstrecken sich Schilf, Wasserflächen und die bleichen Stämme ertrunkener Wälder. Das Anklamer Stadtbruch wurde im Laufe der Jahre zu einem Ort pulsierenden Lebens, an dem Biodiversität ein Zuhause gefunden hat und natürliche Zyklen ungestört ablaufen dürfen. 

2018 konnte die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe das Anklamer Stadtbruch und angrenzende Bereiche erwerben und damit dieses einzigartige Gebiet dauerhaft bewahren. 

Die sechs Fotograf*innen Sandra Bartocha, Silko Bednarz, Volker Bohlmann, Frank Brehe, Dieter Damschen und Claudia Müller, alle Mitglieder der Gesellschaft für Naturfotografie (GDT), legen mit diesem Bildband ein intimes Porträt einer faszinierenden Landschaft mit ihrer einzigartigen Flora und Fauna vor, begleitet von den informativen und zugleich emotionalen Texten von Frank Brehe.

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Alle Jahre wieder!

Die ersten Junggesellen besetzten ab Mitte Juni den traditionellen Schlafplatz. An manchen Tagen künden nur die Rufe der Kraniche von deren Anwesenheit, ansonsten sind sie verschwunden hinterm Nebel.

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Bei den Störchen

Viele der Horste in der Umgebung sind in diesem Jahr mit Störchen besetzt. Bisher waren sie auch erfolgreich beim brüten. Im Gegensatz zu den letzten Jahren, tummeln sich in den Horsten wieder mal mehr als ein Jungstorch. Und fotogen sind sie alle mal.

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Briefe aus der Provinz „Vom Vorteil, einen Vogel zu haben“ / 02/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Vom Vorteil, einen Vogel zu haben

Seit Mitte März versuche ich jeden Morgen, vor dem Sonnenaufgang – und somit vor Arbeit, Frühstück und erstem Menschenkontakt – draußen zu sein. Meine Familie hält mich zwar für verrückt, aber daran bin ich gewohnt, damit kann ich leben. Es ist eher die einzige Möglichkeit, nicht verrückt zu werden. Ich besuche dann eine kleine Wasserfläche und sehe den Vögeln dabei zu, wie sie den Tag beginnen. Noch vor Sonnenaufgang trompeten die Kraniche, die Graugänse erheben sich schwingenpfeifend in die Höhe, die Rohrdommel brummt aus dem undurchdringlichen Schilf und die Rothals- und Haubentaucher stimmen in den Chor aus Streitgesprächen ein. Blesshühner höre ich zanken und die erwachten Reiher kreischen. Kurz bevor die ersten Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfläche treffen, kommen mit lautem Gekreisch die Lachmöwen, gefolgt von Kormoranen. Während der ganzen Zeit spielen Enten, Bachstelzen, Schwalben, Amseln, Meisen und Rohrammern ihre Melodien, wie die zweite Reihe eines Orchesters. Was für ein Konzert! Was für ein Leben! Doch nicht nur an diesem Platz und zu dieser Zeit beobachte ich Vögel. Simon Barnes beschrieb dies einmal so: „Wenn ich einen Vogel sehe, gucke ich immer hin, egal wo ich bin. Das ist keine bewusste Handlung mehr. Ich kann mitten in einer Unterhaltung von enormer Wichtigkeit sein, zum Beispiel über die »Entwicklung unseres Ehelebens«, aber meine Augen huschen bei der Andeutung einer Bewegung da draußen zum Fenster, und ich fange im Augenblick gerade noch etwas ein und registriere: »Verdammt noch mal, Sperber!« Ich bringe es dann fertig, das Gedachte laut auszusprechen – nicht immer eine kluge Entscheidung.“. Zu finden ist dieses Zitat im Buch Vögel. Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen von Malcolm Tait und Olive Tayler, in der Übersetzung von Arnulf Conradi. Hier findet der Leser eine äußerst kurzweilige und amüsante Zusammenstellung von Zitaten, Geschichten und Anekdoten rund um das Thema Vögel. Mich hat meine Frau am Frühstückstisch einmal gefragt, woran ich gerade denke, und ich habe wahrheitsgemäß geantwortet, dass ich, wenn wir unsere Plätze am Tisch tauschen würden, bei den Mahlzeiten besser die Vögel im Garten beobachten könnte. Wie zu erwarten war, kam dieser Vorschlag nur mäßig gut an.

Doch zurück zum Thema Vogelbeobachtung in schwierigen Zeiten. Eines meiner Lieblingsbücher dazu ist Birding Babylon. Tagebuch eines Soldaten im Irak von Jonathan Trouern-Trend. Dieses kleine Büchlein wurde erstmals 2006 in Deutschland im Berliner Taschenbuch-Verlag herausgegeben. Der Autor wurde 2004 als Soldat einer US-Sanitätseinheit für ein Jahr in den Irak abkommandiert und führte ab diesem Zeitpunkt ein Internet-Tagebuch über seine Naturbeobachtungen in dem für ihn fremden Land. Wenn es sein Dienst zulässt, beobachtet Trouern-Trend Vögel und schreibt seine Erlebnisse, soweit möglich, in kurzem und prägnantem Stil nieder. Das Beobachten von Vögeln ist hierbei deutlich mehr als pures Freizeitvergnügen. Es ist, wie im Vorwort von Marcel Beyer treffend beschrieben, „Ein Schutzmechanismus. Trouern-Trend lenkt sich von der bestehenden Lebensgefahr ab, er lässt uns an seinen Übungen im Aufrechterhalten geistiger Gesundheit teilhaben, blendet den Krieg, soweit es eben möglich ist, aus.“. Außerdem fungiert seine Leidenschaft als Brücke zwischen den Einheimischen und ihm. Sie ist ein Bindemittel zwischen den Welten und Kulturen, etwa, wenn irakische Kinder ihm erzählen, dass der Weißstorch lak-lak genannt wird und auch in ihrem Land die Kinder bringt. Im Hörspiel zum Buch fallen die Sätze „Stay busy! Stay Cool!“ – „Such Dir Beschäftigung! Bleibe ruhig!“. Beobachten ist Beschäftigung, und es bedeutet, offen zu sein, zu reflektieren und die Welt wahrzunehmen. Vogelbeobachtung kann ein Anker sein, um nicht vom Wahnsinn und der Unfassbarkeit der Ereignisse fortgespült zu werden.

Egal, ob man sich der Vogelbeobachtung hingibt oder diese als schrulliges Hobby abtut, es ist nicht zu leugnen, dass Vögel eine ungeheure Faszination auf uns ausüben. Menschen, die sich dieser Passion ganz und gar verschrieben hatten, waren Magdalena und Oskar Heinroth. Vielleicht kennt der eine oder andere das zwischen 1924 und 1933 in vier Bänden erschienene Werk Die Vögel Mitteleuropas. In allen Lebens- und Entwicklungsstufen photographisch aufgenommen und in ihrem Seelenleben bei der Aufzucht vom Ei ab beobachtet. Wenn man die Bände einmal in der Hand gehalten hat, kann man sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, wieviel Arbeit, Zeit und Hingabe für diese Bücher nötig waren. Auf 511 ganzseitigen Tafeln sind Fotografien von tatsächlich allen Entwicklungsstadien der jeweiligen Art enthalten– vom Ei bis zum voll entwickelten Vogel. Die Heinroths zogen für dieses Langzeitprojekt in ihrer Berliner Wohnung 1.000 Individuen von 286 Arten auf, beschrieben deren Verhaltensweisen und dokumentierten die Entwicklung ihrer Zöglinge mit Hilfe der Fotografie. Gerade ist bei Knesebeck Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung von Karl Schulze-Hagen und Gabriele Kaiser erschienen. Im ersten Teil des Buches werden die menschlichen Protagonisten und ihre Arbeit beschrieben. Im zweiten dagegen sind Bilder und Textpassagen aus den erwähnten Bänden Die Vögel Mitteleuropas wiedergegeben. Das Buch erschien im März dieses Jahres, und obwohl es eine fast 100 Jahre alte Geschichte erzählt, ist es aktueller denn je. Arten, die für die Heinroths noch alltäglich waren, sind heute nicht mehr zu finden oder im dramatischen Niedergang begriffen. Wie heißt es im Epilog: „Wir betreiben Raubbau, und dadurch verändern wir selbst das Klima und die biologische Vielfalt – Ökosysteme, Arten, Individuenzahlen werden in Mitleidenschaft gezogen. Diese Auswirkungen treffen auch die Menschheit selbst.“

Oskar Heinroth porträtierte seine Vögel mit einer Plattenkamera auf über 15.000 Glasplatten, von denen ein Teil die Wirren der kommenden Jahre überstand. Für das Buch Die Vogel-WG wurden diese Platten von Klaus Nigge restauriert. Nun präsentieren sie sich wieder in ihrer ganzen Herrlichkeit. Einige dieser Bilder sind auch in der GEO-Ausgabe 04/2020 zu sehen.

So, laut Vorgabe stehen mir noch ungefähr 300 Wörter zur Verfügung. Wenn Vogelbeobachtung und skurrile Hobbys vor Wahnsinn schützen, dann definitiv auch Humor. Ich habe etwas gebraucht, um einen Dreh zu finden, FUP von Jim Dodge in die Briefe zu schmuggeln, aber jetzt könnte es klappen. FUP ist eine liebesfilmsüchtige Stockente, die zusammen mit dem ruhigen und Zäune bauenden Waisen Tiny und dessen Großvater Jake auf einer Ranch in der Nähe des Pazifiks lebt. Eigentlich steht weniger FUP im Mittelpunkt des Buches als vielmehr Granddaddy Jake, den die meisten Menschen seiner Gemeinde für ein bisschen verrückt halten. „Zum Glück war es die Art von Gemeinde, die im amerikanischen Leben fast verlorengegangen ist, eine, in der die Nachbarn respektvoll und freundlich sind, eine, in der man sich – solange einer nur schwierig und nicht gefährlich ist – um seinen eigenen Kram schert.“ Vielleicht merkt man an diesem Zitat, dass das Buch von einer gehörigen Prise schwarzen Humors durchzogen ist. Es handelt vom Meistern der Widrigkeiten der Welt, von Verantwortung und von Freundschaft. Der San Francisco Chronicle bezeichnete es als: „Ein Diamant in der Jauchegrube des Lebens“. Was bleibt mir da noch zu sagen? Herrliches Buch!

Als Resümee des heutigen Briefes lässt sich folgendes zusammenfassen: „Stay busy! Stay cool!“ und behandle Deine Mitmenschen respektvoll, egal ob sie einen Vogel haben oder nicht.

Alles Gute, Du bist, was Du liest!

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Jonathan Trouern-Trend, Birding Babylon. Tagebuch eines Soldaten im Irak, BvT, 2009

Malcolm Tait, Olive Tayler, Vögel. Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen, Unionsverlag, 2014

Karl Schulze-Hagen, Gabriele Kaiser, Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung, Knesebeck, 2020

Jim Dodge, FUP, Rogner & Bernhard, Zweitausendeins, 2002

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3 Tage abgetaucht im Bruch

Ende Juni ist die aktive Zeit für Tierfotografen schon ziemlich begrenzt. Für mich beginnt sie mit der bürgerlichen Dämmerung und endet ca. 30min nach Sonnenaufgang. Den Rest des Tages kann ich dann mit Lesen, Essen und Ausruhen gestalten – Sommer eben. Aber wie kurz die Zeit auch ist, irgendwas sehe ich immer im Bruch.

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Nest neben der Landstrasse

Auf allen feuchten Wiesen und hochgrasigen Weiden sowie auf grabendurchzogenen Feldern und an Landstraßen ist das Braunkehlchen ein über das ganze Land verbreiteter und häufiger Brutvogel.“, so steht es in Rudolf Kuhk „Die Vögel Mecklenburgs“ von 1939. Wenn auch leider das Braunkehlchen nicht mehr in ganz MV anzutreffen ist, dass der Vogel gern neben (Land)Straßen brütet scheint immer noch so zu sein. Übrigends wird das Braunkelhlchen im Kuhk unter Braunkehliger Wiesenschmätzer geführt.

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Trauerseeschwalbe I eblawhcseesreuarT

Sie sind wieder da! Trauerseeschwalben – es sind so schöne Vögel.

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Vollmondmorgen

Am Vollmondmorgen im April fielen die Temperaturen auf -4,5°C. Selten habe ich meine Handschuhe so vermisst, wie an diesem Morgen. Aber die Atmosphäre am Wasser entschädigte für alles.

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6 ha / Schwäne, Gänse und Enten

Im März kamen die Vögel zurück. Braunkehlchen, Rohrweihen, Rauchschwalben, Bachstelzen – überall Gezwitscher und Geflatter. Die ersten jungen Graugänse schwimmen herum. Schwäne und Blässrallen zanken und streiten, als ob es kein Morgen gibt. Die Lachmöwen beleben ihre Kolonie. Die Graureiher haben im Schilf ein Nest errichtet. Alles umrahmt von den Brummen der Rohrdommel und dem Gekreische der Rothalstaucher. Und über allem schweben die Adler! Es gibt nichts besseres als den Tag zu beginnen.