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6 ha / Schwäne, Gänse und Enten

Im März kamen die Vögel zurück. Braunkehlchen, Rohrweihen, Rauchschwalben, Bachstelzen – überall Gezwitscher und Geflatter. Die ersten jungen Graugänse schwimmen herum. Schwäne und Blässrallen zanken und streiten, als ob es kein Morgen gibt. Die Lachmöwen beleben ihre Kolonie. Die Graureiher haben im Schilf ein Nest errichtet. Alles umrahmt von den Brummen der Rohrdommel und dem Gekreische der Rothalstaucher. Und über allem schweben die Adler! Es gibt nichts besseres als den Tag zu beginnen.

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Am Rehgraben

Es gibt wenig schöneres als am frühen Morgen zu paddeln. Die Vögel singen, Nebel schwebt über den Wiesen, die Sonne geht auf und die Welt ist in unglaubliches Licht getaucht.

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Im Bruch / 2 Stunden Ruhe

Manchmal reicht es den Adlern beim Fliegen zuzusehen und sich von der Sonne bescheinen zu lassen. Ich glaube dem Reiher ging es ebenso.

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Briefe aus der Provinz „Anleitungen zur Aufmerksamkeit “ / 01/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Anleitungen zur Aufmerksamkeit

Statt Schnee und Eis erlebten wir gerade den wärmsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in unseren Breiten. Einzig und allein die Kürze der Tage stimmte noch mit meinen Kindheitserinnerungen an diese Jahreszeit überein. Trotz der Plusgrade draußen musste ich heizen. Bisher hatte ich Feuerholz gefällt, gesägt, gespalten, herangeschleppt, gehackt und gestapelt, aber noch nie daran gedacht, dass ich mehrere Dekaden Sonne, Wind und Geschichte verfeuere. Anders dagegen Aldo Leopold in seinem bei Naturkunden erschienenen Buch Ein Jahr im Sand County. In der Februar-Episode führt er mittels der Jahresringe eines Eichenscheites durch das 80jährige Leben des Baumes. So wie die Säge die Jahresringe offenlegt, so legt er dessen Geschichte frei und erzählt von den Ereignissen des Landes, die den Baum unweigerlich formten. In diesem, dem ersten Teil des Buches, beschreibt er exemplarisch den Jahreszyklus auf seiner Farm am Wisconsin River in Sand County mittels monatlicher Naturbeobachtungen. Im zweiten Teil Skizzen von dort und hier zeigt er Probleme des Naturschutzes auf, um im dritten Teil Das Ende vom Lied Ideen zu erörtern, welche zur Lösung der aufgezeigten Probleme beitragen können. Wenn Platz dafür wäre, würde ich den gesamten Text des von Leopold 1948 verfassten Vorwortes an dieser Stelle zitieren. Schon die ersten zwei Sätze beschreiben treffend die Grundhaltung des Buches: „Manche können ohne wilde Dinge leben und manche können es nicht. Diese Essays sind die Freuden und Verzweiflungen von einem, der es nicht kann.“ 1948 stellt er die Frage, „… ob ein noch höherer „Lebensstandard“ den Preis der natürlichen, wilden, freien Dinge wert ist.“ Und ich frage mich 72 Jahre später, warum sich darüber scheinbar nicht mehr Menschen Gedanken machen und dementsprechend handeln. Das Buch enthält vordergründig keine lieblichen Naturbeschreibungen, es ist kein Ratgeber für den richtigen Umgang mit ihr. Es ist eine Sammlung von Schriften und Essays eines der Pioniere des Naturschutzes, der ohne die Herausgabe dieses Buches wohl gänzlich im deutschsprachigen Raum dem Vergessen anheimgefallen wäre. Es regt zum Hinterfragen des eigenen Verhaltens an, der eigenen Verantwortung gegenüber der Natur. Jürgen Brôcan fasst dies im Nachwort treffend zusammen: „Naturschutz ist eine Haltung, die ethisches Handeln und Denken ebenso erfordert wie stiftet.“ Ein Buch aktueller denn je und nicht zuletzt ein Impuls für die Auseinandersetzung mit dem Thema Ethik in der Naturfotografie.

Ebenfalls quasi an den Kamin gefesselt hat mich auch John Lewis-Stempels Mein Jahr als Jäger und Sammler. Was es wirklich heißt, von der Natur zu leben. Nach Ein Stück Land ist es das zweite in Deutschland erschienene Buch des Briten. Er berichtet von seinem Versuch, sich ein Jahr lang von dem zu ernähren, was er auf seiner 16 Hektar großen Farm sammelt, fischt und jagt. Und es gibt wirklich nichts, was nicht verwertet wird. Dies ist auch nötig, denn besonders in den Wintermonaten ist der Tisch in der Natur doch sehr spärlich gedeckt. So sieht der Kalender seiner wilden Nahrungsmittel im Februar wie folgt aus: Tauben, Kaninchen, Grauhörnchen, Löwenzahn, Feldsalat und Brennnesseln. Fertig. Basta. Vielleicht noch ein bisschen Eingelegtes und Eingekochtes, dann ist Schluss mit den kulinarischen Freuden. Der Autor erzählt von seinem Leben, in welchem sich eigentlich alles nur um die Nahrungssuche dreht, auf witzige und erdverbundene Weise. Er berichtet ironisch, wie sein Experiment von der restlichen Familie belächelt wird, wie er zweifelt und sich motiviert, dennoch durchzuhalten. Den Reiz des Buches macht für mich aber aus, wie sich Lewis-Stempels‘ Betrachtung der Natur, des Landes verändert (und letztendlich auch die des Lesers). Wie zum Beispiel unscheinbare Pflanzen, die wir gemeinhin mit Nichtachtung strafen, neu gesehen und dadurch Teil unserer Welt werden. Man begegnet der Natur anders, und sei es nur, dass man sich nach der Lektüre des Buches vornimmt, den Frühling mit einer Suppe aus Vogelmiere und einem Brennnesselbier einzuläuten. Die entsprechenden Rezepte gibt’s im Buch gratis. Unterschreiben würde Lewis-Stempels wohl auch folgenden Satz aus Annie Dillards Pilger am Tinker Creek:

Wenn ich nicht bewusst meine Aufmerksamkeit auf das richte, was vor meinen Augen geschieht, werde ich es schlicht nicht sehen.“ Annie Dillard, Pilger am Tinker Creek

Dieses Zitat findet sich in der Einleitung von Jürgen Goldsteins Naturerscheinungen. Die Sprachlandschaften des Nature Writing; es könnte aber auch in jedem Lehrbuch für Naturfotografie stehen. Im Buch von Goldstein geht es jedoch nicht um Fotografie, sondern, wie der Name schon sagt, um Nature Writing. Laut Einleitung setzt Nature Writing „… auf die Einsicht, dass Sprache unser Denken formt und somit die Wirklichkeit, in der wir leben. Es unternimmt den Versuch, einen sensiblen Zugang zur entgleitenden Natur zu bewahren.“ Erst habe ich befürchtet, dass Buch biete eine bloße Aufzählung, Inhaltsangabe und Interpretationshilfe für die gängigsten Werke des Nature Writing, wie H.D. Thoreaus Walden, J.A. Bakers Der Wanderfalke oder der Werke von Robert Macfarlane, aber das wäre deutlich zu kurz gegriffen. Ja, wichtige Werke werden erläutert, eine geschichtliche Einordnung des Genres findet statt, aber das Buch ist weit mehr: Es verschafft Eingang in die Mannigfaltigkeit und Vielschichtigkeit dieser Literaturform und verdeutlicht dies an Beispielen. Der Hinweis des Autors an die „aufzubringende Ausdauer“ des Lesers ist gleichweg als Hinweis zu verstehen, dass man sich manchmal regelrecht durch das Buch durcharbeiten muss. Aber auch hier lohnt sich der Aufwand. Es ging mir mehrfach so, dass ich beim Lesen innehielt, um über bestimmte Sätze oder Passagen nachzudenken und sie ein zweites Mal zu lesen. Das gesamte Buch durchzieht die Aufforderung „… den scheinbar belanglosen Naturereignissen vor der eigenen Haustür Aufmerksamkeit (zu) schenken. … Die Aufmerksamkeitsschulung, das Vertraute und Naheliegende nicht zu übersehen, sondern in seiner Bemerkungswürdigkeit hervortreten zu lassen, ist das Ziel.“ Nature Writing ermöglicht es, mit der Natur in Kontakt zu treten und dabei zu sein. Ähnlich ist es ja auch mit unseren Bildern. Viele Menschen sagen, sie fotografieren, um anderen die Schönheit der Natur zu zeigen, ihnen diese dadurch näher zu bringen und damit für ihren Schutz zu werben. Dies ist definitiv besser als nichts, ersetzt aber, wie Goldstein meint, nicht, „… den unmittelbaren Eindruck, die Erfahrung der Natur vor Ort.“ Trotzdem kann das Beschreiben der Natur oder auch ein Naturfoto zeigen, dass ein Baum, eine Landschaft, ein Tier mehr ist, als der bloße Verwertungsnutzen, auf den Natur zumeist reduziert wird. Ich wünsche mir, dass dieses Buch seine Leserschaft findet, denn es könnte zum Standardwerk für Natur Writing werden.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf das neue Buch von Johann Brandstetter Über Leben. Die Wiederentdeckung der Natur aufmerksam machen. Ich mag Zeichnungen, und manchmal glaube ich, dass ich nur fotografiere, weil ich nicht zeichnen kann. Das Buch gliedert sich in drei Teile, einen Essay von Andreas Weber, den Bildteil und ein Gespräch von Brandstetter mit der Kunsthistorikerin Annette Scholl. Besonders der Illustrationsteil ist eine Hommage an die Vielfältigkeit der Natur und des Lebens. Auch hier ist die Aufmerksamkeit des Künstlers auf die Natur gerichtet, und die Werke preisen ihre ganze Einzigartigkeit und Schönheit. Doch auch Brandstetter sagt: „Ich male Verlorenes, damit es bleibt.“

In diesem Sinne: Du bist, was du liest!


Aldo Leopold „Ein Jahr im Sand County“, Naturkunden, Matthes & Seitz

John Lewis-Stempel „Mein Jahr als Jäger und Sammler. Was es wirklich heißt, von der Natur zu Leben.“, Dumont

Jürgen Goldstein „Naturerscheinungen. Die Sprachlandschaften des Nature Writing“, Matthes & Seitz

Johann Brandstetter „Über Leben. Die Wiederentdeckung der Natur“, oekom

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ich war nicht bereit

Was soll ich sagen? Mein Ziel war es auf dem verschneiten Bahndamm im Bruch etwas Felliges zu fotografieren. Aber ich war nicht bereit. Den Fuchs zu spät gesehen, demzufolge zu spät ausgelöst und dann noch zwei Fotografen am anderen Ende des Weges mit auf dem Bild. Manchmal ist die Welt nicht gerecht, aber im nächsten Jahr…

Dafür noch 3 analoge Aufnahmen von diesem Ausflug. Macht immer wieder Spaß!

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Nur Gesträuch und Schilf

Zu Jahreswechsel ging es wie immer in den Bruch. Auch wenn auf den Fotos diesmal kein Tier zu sehen ist, waren diese natürlich da. Es scheint, als gestalten Wildschweine und Schilf die Wege im Bruch langsam, aber beharrlich um. Back to the nature…

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4 Tage ein Hauch von Winter

Mitte Januar hatten wir für 4 Tage einen Hauch von Winter in Mecklenburg-Vorpommern. Da immer noch viele Kraniche hier sind, kam es zum selten zusammentreffen von Kranichen und Schnee.Mal sehen was das Jahr noch bringt – meinetwegen Schnee und Eis!

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FlitterFlatterRaben

Vor noch ca. 80 Jahren im norddeutschen Tiefland fast ausgerottet, sind sie diese schönen Vögel heute wieder zahlreich in MV anzutreffen.

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Novemberspaziergang im Bruch

Ein Novemberspaziergang im Bruch ist eher von grau geprägt. Doch es gibt Zeiten, da schwebt der Dunst über die Wiesen, der Himmel leuchtet und ist erfüllt vom Flügelschlagen der unzähligen Wasservögel.

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Briefe aus der Provinz „Eine Perlenspur aus Luftblasen“ / 04/2019

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Hat jemand schon einmal versucht, freilebende Fischotter zu fotografieren? Mir kam diese glorreiche Idee im Herbst 2017. Warum? Was weiß ich, du wachst aus dem Mittagsschläfchen auf und peng manifestiert sich der Gedanke: Fotografiere ich im nächsten Jahr doch mal Fischotter. Wahrscheinlich habe ich aber als Kind nur zu oft den Film Tarka der Otter gesehen. Jener Film basiert auf einer 1927 erschienenen Novelle von Henry Williamson und trägt den Untertitel Sein lustiges Leben im Wasser und sein Tod im Lande der Zwei Flüsse. Williamson beschreibt das Leben des Otterrüden Tarka in der Landschaft von North Devon, England. Er selbst
verfasst im Nachwort, „Nur die Landschaft von Devon war wichtig: mit ihren Flüssen, Bäumen, Tieren und Menschen sollte sie in meinem Buch ein wirklichkeitsgetreues Abbild finden.“. Er nimmt den Leser mit in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Otter noch mit Jagdgesellschaften und großen Hundemeuten gejagt
wurden. Es gelingt ihm, mit großer Liebe zum Detail und grandios schönen Naturschilderungen dem Otter und der Landschaft ein literarisches Denkmal zu setzen. Noch heute kann man einem Tarka-Trail folgen und das Land der zwei Flüsse erkunden.

Quasi mit Tarka als Patron, vereinzelten Otterbegegnungen und einer Menge Nichtwissen war ich frohen Mutes und voller Tatendrang in Bezug auf mein Vorhaben. Das Projekt „Fischotter 2018“ hörte sich erstmal, wie ich fand, ziemlich cool an. Jedoch fragte ich mich im Laufe des Jahres immer ernsthafter, was für eine Schnapsidee ich da hatte? Die Wassermarder sind alles, nur nicht wirklich kooperativ.
Das Resultat der ersten zwölf Monate: Ich lernte anhand ihrer Spuren, wo es Otter gab und wo sie entlangstreiften. Ich lief in meiner freien Zeit Gräben ab, fand Otterwechsel, freute mich über jeden Haufen Otterscheiße und verbrachte Stunden in unbequemen Verstecken. Aber zu Gesicht bekam ich maximal Biber, Waschbären oder Bisamratten. Otter sah ich extrem selten, geschweige denn gelang es mir, Fotos zu machen.
Ich habe aber auch festgestellt, dass man bei Minusgraden nach spätestens drei Stunden im Tarnversteck kalte Füße bekommt, egal wie viele Socken man anhat, und dass frische Otterspuren kein Garant für Otterbilder sind. Es ist eher so wie Robert Macfarlane in seinem bei Naturkunden erschienenen Buch Die verlorenen Wörter im Gedicht Otter schreibt:
Tauchend wandelt er Gestalt, schier
atemberaubend – doch siehst du nur ein
Schattenflackern, einen Strudelstrang
und niemals (beinahe niemals) wirklich Otter
.“
Wie treffend! Bis auf wenige Sichtungen, die mir zeigten, dass ich mich nicht im otterfreien Raum bewegte: nichts. Da waren beispielsweise im Frühjahr ausgelutschte blaue Moorfroschhäute am Gewässerrand schwimmend oder im Winter deutliche Trittsiegel auf schneebedecktem Eis. Nur kein wahrhaftiger Otter! War ich da, waren die Objekte meiner Begierde schon weg. Einmal begegnete ich in einem Otterrevier einem wildfremden Wanderer, der mir prompt und voller Freude erzählte, er habe „vor 20 Minuten da hinten irgendwo“ drei Otter über das Eis laufen und im Schnee tobend gesehen. Ob ich mir vorstellen könne, wie schön das gewesen sei? Unfähig zu sprechen, konnte ich nur noch schluchzen, nicken und mich von dannen trollen.
Bekam ich jedoch mal einen Wassermarder zu Gesicht, wurde ich sofort in seinen Bann gezogen. Es gibt wohl wenig Faszinierenderes als einen Otter im Wasser. Zum Jahresende fand ich in Jan Wagners Gedichtsammlung Regentonnenvariationen die perfekte Beschreibung eines Otters, die mich ins neue Jahr
trug.
… ist im wasser
beweglicher als wasser, steigt als welle
an irgendeinem ufer an land
,“
Im Januar dieses Jahres hatten wir ein paar Tage Schnee, und ich machte mich auf die Jagd nach einem Bild vom Otter inmitten weißer Pracht. Da die Winter in Mecklenburg-Vorpommern heutzutage meist nur episodischen Charakter haben, blieb wenig Zeit sich für ein Wo und Wann zu entscheiden. Also alles auf eine Karte gesetzt, bevor sich der Schnee in Matsch verwandelt. Doch ich bin irgendwie immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Mehr als Spuren im Schnee bekam ich nicht zu Gesicht. Im April dann ein Showdown im
Anklamer Stadtbruch: Ich stehe auf dem alten ahndamm, ein Otter passiert diesen, er schaut mich an, ich starre ihn an, wir beide sind für den Bruchteil einer Sekunde wie versteinert, und ehe ich die Kamera auf ihn gerichtet habe, ist er auch schon wieder im Wasser. So kann es nicht weitergehen! Etwa zum Zeitpunkt der oben beschriebenen Begegnung bekomme ich das 2018 erschienene Buch Der Fischotter. Ein heimlicher Jäger kehrt zurück aus dem Haupt-Verlag in die Hände. Auf 256 Seiten präsentieren die Autoren Irene Weinberger und Hansjakob Baumgartner den aktuellen Erkenntnisstand zum Thema Fischotter. Herkunft, Verwandtschaft, Sozial- und Revierverhalten, Futtersuche, Markierungen, Aufzucht, Lebensräume,
Ausbreitung sowie das Verhältnis Otter-Mensch bzw. Otter-Teichwirt – es gibt kaum ein Thema, welches die Autoren nicht behandeln und mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen untermauern. Illustriert ist das Buch mit unzähligen schönen Fotos, u.a. von Laurie Campbell, der 2017 einen Ottervortrag in Lünen hielt. Ich lese, staune und lerne. So zum Beispiel, dass junge Otter einen starken Auftrieb im Wasser haben und sie daher scheinbar deutlich höher liegen als Alttiere. Ich lese aber auch „Fischotter leben überaus heimlich und
sind … tagsüber unsichtbar
.“ (S. 96). Egal, je mehr ich über diese Tiere erfahre, desto begeisterter bin ich. Das Ziel heißt weiterhin, Otter zu beobachten und möglicherweise zu fotografieren.

Ausgerüstet mit neuem Wissen und den Erfahrungen der vergangenen Jahre, beginne ich erstmals, meine Taktik zu ändern und konzentriere mich auf einige wenige Gebiete. Im oben beschriebenen Buch fand ich folgende Sätze „Tiere bewegen sich nicht zufällig durch die Landschaft. In der Regel hat jedes ein bestimmtes Streifgebiet.“ (S.102). Ich kenne Otterreviere und weiß, wo die Tiere gelegentlich umherstreifen. Mathematisch gesehen, müsste sich die Wahrscheinlichkeit einer Otterbegegnung erhöhen, wenn ich nicht ziellos umherirre, sondern immer brav denselben Ort aufsuche. Irgendwann kommt er – vielleicht.
Und die Taktik ging auf! In einem Gebiet unweit unseres Dorfes klappte es schließlich. Durch die räumliche Nähe bot sich mir die Möglichkeit, dort überdurchschnittlich oft in den Morgenstunden unterwegs zu sein. Mein Fokus lag anfangs nicht unbedingt auf den Ottern, aber ich wusste, dass sie im Revier sind und mathematisch gesehen …
Im Frühjahr hatten sich auf einer Wasserfläche zwei kleine Lachmöwenkolonien gebildet. Eines Morgens im Mai herrschte in einer der Kolonien große Aufregung. Ein Reiher schien zu testen, wie tolerant sich die Lachmöwen ihm gegenüber verhielten, wohl auch im Hinblick auf die zu erwartenden Möwenküken, die er nicht verschmäht. Da Toleranz zumeist ein den Möwen wesensfremder Zug ist, war das Spektakel entsprechend groß. Als einige Tage später die Möwen wieder in heller Aufruhr waren, war es kein Graureiher, der sich der Kolonie näherte, sondern ein Otterrüde. Er schwamm auf die Nester zu, wurde aber unter viel Getöse, Krawall und der bekannten Null-Toleranz-Mentalität erfolgreich von den Möwen vertrieben und suchte sein Heil in der Flucht.
An derselben Stelle Anfang August traute ich meinen Augen nicht, als ich kurz nach Sonnenaufgang eine Fähe mit ihren zwei fast ausgewachsenen Jungen fotografieren konnte und nur Minuten später ein kapitaler Rüde
angeschwommen kam. Vier Otter innerhalb von 20 Minuten – unfassbar.
Von Anfang August bis Ende September konnte man nun fast täglich Otter beobachten. Insgesamt hielten sich in einem Revier mit einer Wasserfläche von ca. sechs Hektar bis zu sechs verschiedene Otter auf. Neben den oben beschriebenen Tieren noch eine weitere Fähe mit ihrem Jungtier. Dieses hatte, wie in Der Fischotter
beschrieben, solch einen Auftrieb, dass es manchmal an einen Korken im Wasser erinnerte.
Ab Ende September wurden die Beobachtungen dann deutlich weniger und erreichten quasi Normalzustand“, und jetzt im November sieht man mit viel Glück einen Otter, welcher dezent in der
Dämmerung, eingehüllt von grauem Nebel, wie ein Schatten durchs Wasser gleitet.
Das Fazit der Geschichte: Je mehr man über sein Fotomotiv weiß, desto mehr erhöht sich die Chance, es vor die Linse zu bekommen. Dies ist sicherlich richtig. Ich glaube aber, es war einfach nur verdammtes Glück, und ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort!