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Briefe aus der Provinz „Vom Vorteil, einen Vogel zu haben“ / 02/2020

Seit 2018 schreibe ich für das Magazin Forum Naturfotografie der Gesellschaft für Naturfotografie, kurz GDT eine Kolumne mit dem Titel Briefe aus der Provinz. Versetzt mit einer Zeitspanne von 1 Jahr veröffentliche ich hier nacheinander die „alten“ Briefe. Meist geht es um Bücher, aber eben nicht immer. Falls Euch ein beschriebenes Buch interessiert und Ihr es erwerben wollt, bestellt es bei Eurem lokalen Buchhändler. Dieser liefert es Euch sicherlich, genauso schnell und zumeist versandkostenfrei wie die „Riesen“.

Das Forum Naturfotografie gibt es für Mitglieder der GDT kostenlos, alle anderen können die Zeitschrift direkt beim Tecklenburg Verlag erwerben.

Vom Vorteil, einen Vogel zu haben

Seit Mitte März versuche ich jeden Morgen, vor dem Sonnenaufgang – und somit vor Arbeit, Frühstück und erstem Menschenkontakt – draußen zu sein. Meine Familie hält mich zwar für verrückt, aber daran bin ich gewohnt, damit kann ich leben. Es ist eher die einzige Möglichkeit, nicht verrückt zu werden. Ich besuche dann eine kleine Wasserfläche und sehe den Vögeln dabei zu, wie sie den Tag beginnen. Noch vor Sonnenaufgang trompeten die Kraniche, die Graugänse erheben sich schwingenpfeifend in die Höhe, die Rohrdommel brummt aus dem undurchdringlichen Schilf und die Rothals- und Haubentaucher stimmen in den Chor aus Streitgesprächen ein. Blesshühner höre ich zanken und die erwachten Reiher kreischen. Kurz bevor die ersten Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfläche treffen, kommen mit lautem Gekreisch die Lachmöwen, gefolgt von Kormoranen. Während der ganzen Zeit spielen Enten, Bachstelzen, Schwalben, Amseln, Meisen und Rohrammern ihre Melodien, wie die zweite Reihe eines Orchesters. Was für ein Konzert! Was für ein Leben! Doch nicht nur an diesem Platz und zu dieser Zeit beobachte ich Vögel. Simon Barnes beschrieb dies einmal so: „Wenn ich einen Vogel sehe, gucke ich immer hin, egal wo ich bin. Das ist keine bewusste Handlung mehr. Ich kann mitten in einer Unterhaltung von enormer Wichtigkeit sein, zum Beispiel über die »Entwicklung unseres Ehelebens«, aber meine Augen huschen bei der Andeutung einer Bewegung da draußen zum Fenster, und ich fange im Augenblick gerade noch etwas ein und registriere: »Verdammt noch mal, Sperber!« Ich bringe es dann fertig, das Gedachte laut auszusprechen – nicht immer eine kluge Entscheidung.“. Zu finden ist dieses Zitat im Buch Vögel. Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen von Malcolm Tait und Olive Tayler, in der Übersetzung von Arnulf Conradi. Hier findet der Leser eine äußerst kurzweilige und amüsante Zusammenstellung von Zitaten, Geschichten und Anekdoten rund um das Thema Vögel. Mich hat meine Frau am Frühstückstisch einmal gefragt, woran ich gerade denke, und ich habe wahrheitsgemäß geantwortet, dass ich, wenn wir unsere Plätze am Tisch tauschen würden, bei den Mahlzeiten besser die Vögel im Garten beobachten könnte. Wie zu erwarten war, kam dieser Vorschlag nur mäßig gut an.

Doch zurück zum Thema Vogelbeobachtung in schwierigen Zeiten. Eines meiner Lieblingsbücher dazu ist Birding Babylon. Tagebuch eines Soldaten im Irak von Jonathan Trouern-Trend. Dieses kleine Büchlein wurde erstmals 2006 in Deutschland im Berliner Taschenbuch-Verlag herausgegeben. Der Autor wurde 2004 als Soldat einer US-Sanitätseinheit für ein Jahr in den Irak abkommandiert und führte ab diesem Zeitpunkt ein Internet-Tagebuch über seine Naturbeobachtungen in dem für ihn fremden Land. Wenn es sein Dienst zulässt, beobachtet Trouern-Trend Vögel und schreibt seine Erlebnisse, soweit möglich, in kurzem und prägnantem Stil nieder. Das Beobachten von Vögeln ist hierbei deutlich mehr als pures Freizeitvergnügen. Es ist, wie im Vorwort von Marcel Beyer treffend beschrieben, „Ein Schutzmechanismus. Trouern-Trend lenkt sich von der bestehenden Lebensgefahr ab, er lässt uns an seinen Übungen im Aufrechterhalten geistiger Gesundheit teilhaben, blendet den Krieg, soweit es eben möglich ist, aus.“. Außerdem fungiert seine Leidenschaft als Brücke zwischen den Einheimischen und ihm. Sie ist ein Bindemittel zwischen den Welten und Kulturen, etwa, wenn irakische Kinder ihm erzählen, dass der Weißstorch lak-lak genannt wird und auch in ihrem Land die Kinder bringt. Im Hörspiel zum Buch fallen die Sätze „Stay busy! Stay Cool!“ – „Such Dir Beschäftigung! Bleibe ruhig!“. Beobachten ist Beschäftigung, und es bedeutet, offen zu sein, zu reflektieren und die Welt wahrzunehmen. Vogelbeobachtung kann ein Anker sein, um nicht vom Wahnsinn und der Unfassbarkeit der Ereignisse fortgespült zu werden.

Egal, ob man sich der Vogelbeobachtung hingibt oder diese als schrulliges Hobby abtut, es ist nicht zu leugnen, dass Vögel eine ungeheure Faszination auf uns ausüben. Menschen, die sich dieser Passion ganz und gar verschrieben hatten, waren Magdalena und Oskar Heinroth. Vielleicht kennt der eine oder andere das zwischen 1924 und 1933 in vier Bänden erschienene Werk Die Vögel Mitteleuropas. In allen Lebens- und Entwicklungsstufen photographisch aufgenommen und in ihrem Seelenleben bei der Aufzucht vom Ei ab beobachtet. Wenn man die Bände einmal in der Hand gehalten hat, kann man sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, wieviel Arbeit, Zeit und Hingabe für diese Bücher nötig waren. Auf 511 ganzseitigen Tafeln sind Fotografien von tatsächlich allen Entwicklungsstadien der jeweiligen Art enthalten– vom Ei bis zum voll entwickelten Vogel. Die Heinroths zogen für dieses Langzeitprojekt in ihrer Berliner Wohnung 1.000 Individuen von 286 Arten auf, beschrieben deren Verhaltensweisen und dokumentierten die Entwicklung ihrer Zöglinge mit Hilfe der Fotografie. Gerade ist bei Knesebeck Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung von Karl Schulze-Hagen und Gabriele Kaiser erschienen. Im ersten Teil des Buches werden die menschlichen Protagonisten und ihre Arbeit beschrieben. Im zweiten dagegen sind Bilder und Textpassagen aus den erwähnten Bänden Die Vögel Mitteleuropas wiedergegeben. Das Buch erschien im März dieses Jahres, und obwohl es eine fast 100 Jahre alte Geschichte erzählt, ist es aktueller denn je. Arten, die für die Heinroths noch alltäglich waren, sind heute nicht mehr zu finden oder im dramatischen Niedergang begriffen. Wie heißt es im Epilog: „Wir betreiben Raubbau, und dadurch verändern wir selbst das Klima und die biologische Vielfalt – Ökosysteme, Arten, Individuenzahlen werden in Mitleidenschaft gezogen. Diese Auswirkungen treffen auch die Menschheit selbst.“

Oskar Heinroth porträtierte seine Vögel mit einer Plattenkamera auf über 15.000 Glasplatten, von denen ein Teil die Wirren der kommenden Jahre überstand. Für das Buch Die Vogel-WG wurden diese Platten von Klaus Nigge restauriert. Nun präsentieren sie sich wieder in ihrer ganzen Herrlichkeit. Einige dieser Bilder sind auch in der GEO-Ausgabe 04/2020 zu sehen.

So, laut Vorgabe stehen mir noch ungefähr 300 Wörter zur Verfügung. Wenn Vogelbeobachtung und skurrile Hobbys vor Wahnsinn schützen, dann definitiv auch Humor. Ich habe etwas gebraucht, um einen Dreh zu finden, FUP von Jim Dodge in die Briefe zu schmuggeln, aber jetzt könnte es klappen. FUP ist eine liebesfilmsüchtige Stockente, die zusammen mit dem ruhigen und Zäune bauenden Waisen Tiny und dessen Großvater Jake auf einer Ranch in der Nähe des Pazifiks lebt. Eigentlich steht weniger FUP im Mittelpunkt des Buches als vielmehr Granddaddy Jake, den die meisten Menschen seiner Gemeinde für ein bisschen verrückt halten. „Zum Glück war es die Art von Gemeinde, die im amerikanischen Leben fast verlorengegangen ist, eine, in der die Nachbarn respektvoll und freundlich sind, eine, in der man sich – solange einer nur schwierig und nicht gefährlich ist – um seinen eigenen Kram schert.“ Vielleicht merkt man an diesem Zitat, dass das Buch von einer gehörigen Prise schwarzen Humors durchzogen ist. Es handelt vom Meistern der Widrigkeiten der Welt, von Verantwortung und von Freundschaft. Der San Francisco Chronicle bezeichnete es als: „Ein Diamant in der Jauchegrube des Lebens“. Was bleibt mir da noch zu sagen? Herrliches Buch!

Als Resümee des heutigen Briefes lässt sich folgendes zusammenfassen: „Stay busy! Stay cool!“ und behandle Deine Mitmenschen respektvoll, egal ob sie einen Vogel haben oder nicht.

Alles Gute, Du bist, was Du liest!

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Jonathan Trouern-Trend, Birding Babylon. Tagebuch eines Soldaten im Irak, BvT, 2009

Malcolm Tait, Olive Tayler, Vögel. Von eleganten Elstern, graziösen Gänsen und zaghaften Zeisigen, Unionsverlag, 2014

Karl Schulze-Hagen, Gabriele Kaiser, Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung, Knesebeck, 2020

Jim Dodge, FUP, Rogner & Bernhard, Zweitausendeins, 2002